Julian
Hanich


Texte zum Kino

Killing Them Softly (Andrew Dominik)

 „Es geht nur ums Geld“, schreit der zappelige Kleinganove beim Überfall. „Kohle auf den Tisch und keiner wird verletzt.“ Seine Stimme klingt nervös. Mit seinen knallgelben Küchenhandschuhen und der engen Strumpfhose über dem Kopf sieht er zudem ziemlich lächerlich aus. Während der Anfahrt hatte er mit seinem Junkie-Kumpanen noch große Reden geschwungen. Doch jetzt vor diesen Poker spielenden  Männern mit den breiten Schultern, Goldketten und Tätowierungen dämmert ihm: Vielleicht hätten sie diesen Überfall doch besser bleiben lassen. Dabei ahnt er noch gar nicht, dass ihnen von nun an das organisierte Verbrechen auf der Spur sein wird. Die Bosse ganz oben mögen es nicht, wenn jemand ihr Geschäft ruiniert. Deshalb schicken sie den beiden den supercoolen Killer Jackie Cogan (Brad Pitt) hinterher: schwarze Lederjacke, Sonnenbrille, Gel im zurückgekämmten Haar. Mit seinem hochgetunten 70er-Jahre Pontiac GTO ist er ein Bruder im Geiste von Ryan Gosling in „Drive“ und Tom Cruise in „Jack Reacher“.

„Es geht nur ums Geld.“ Das ist einer der zentralen Sätze dieses Films und des Landes, in dem er spielt. Der amerikanische Traum ist der Traum vom Reichwerden – und oft scheint es völlig egal mit welchen Mitteln. So sieht es jedenfalls der 45-jährige australische Regisseur Andrew Dominik. Für seinen dritten Spielfilm „Killing Them Softly“ hat er sich George V. Higgins’ Roman „Cogan’s Trade“ aus dem Jahr 1974 gegriffen und ihn in Zeit der Lehman-Brothers-Krise und des Obama-McCain-Wahlkampfs von 2008 verlegt.

Aus dem Radio hört man die Stimme von George W. Bush, der die Produktivität der amerikanischen Arbeiter feiert. Im Fernsehen sieht man Barack Obama, wie er mit großen Worten den Wandel beschwört. Und während im medialen Hintergrundrauschen Betroffenheitssätze über das Wiederherstellen von Vertrauen in die Märkte zu hören sind, macht sich Jackie Cogan auf ganz eigene Art ans Werk, die Verlässlichkeit des Geschäfts wieder herzustellen. Die Botschaft dieser hartgesottenen Neo-Noir-Geschichte ist klar: Egal ob Kleinkriminelle aus der Unterwelt oder Großspekulanten aus der oberen Finanzstratosphäre – im urkapitalistischen Amerika darf dem Geschäftemachen nichts in die Quere kommen. Diese Haltung hat Amerika heruntergewirtschaftet. Dominik zeigt deshalb ein Land des Drecks, der Brachen und der heruntergekommenen Gebäude. Ein Land voll grauer Wolken und viel Regen. Immer wieder hört man Figuren Sätze sagen wie: „This country is fucked.“

Für die Subversivität seines resignativen Hard-Boiled-Filmes könnte man Dominik auf die Schulter klopfen. Doch gleichzeitig bleibt der Eindruck, als hätte es hier jemand genau auf dieses Lob abgesehen – wie ein braver Schulbub, der zusammen mit der Hausaufgabe noch eine Extraübung abgibt. Denn genaugenommen haben die sarkastischen Sätze über die USA etwas Wohlfeiles. In Amerika geht es nur ums Geld? Ach ja, seufz. Zudem hebt Dominik seine Amerika-Kritik allzu eindeutig hervor, indem er sie Figuren direkt in den Mund legt. Wie drückt es Cogan am Ende aus? „Amerika ist kein Land – es ist nur ein Business.“ So kapiert sogar der verschlafenste Zuschauer in der letzten Reihe, um was es geht.

Dabei bietet die Geschichte des Noir-Films und des Gangster-Genres genug raffinierte Beispiele für eine parabelhafte Kritik am Kapitalismus. Es hätte „Killing Them Softly“ daher gut getan, käme die Botschaft ähnlich subtil daher wie die Inszenierung. Denn Dominik, vor fünf Jahren bekannt geworden mit dem kontemplativen Western „The Assassination of Jesse James“, flicht zwar durchaus ein paar packende Schießereien und Autounfälle mit Glasgesplitter in Extremzeitlupe ein. Es gibt eine ausgedehnte Prügelszene, die Blut und Kotze nicht scheut. Und einmal saugt er uns hinein in die subjektive Perspektive eines Junkies auf Heroin – ein witziges Virtuosenstück. Doch abgesehen von diesen fulminanten Ausbrüchen nimmt sich der Film inszenatorisch zurück. Stattdessen lebt „Killing Them Softly“ von seinem Design, seinem Soundtrack und seinen intensiven Dialogszenen, in denen sich verwitterte Charaktergesichter mit rauen Stimmen harte Sätze entgegenschleudern: James Gandolfini, Ray Liotta, Richard Jenkins, Sam Shepard. Und natürlich der wieder einmal ganz besonders lässige Brad Pitt.