Julian
Hanich


Texte zum Kino

“Kettenbrief: Ihre Medientheorie auf einer Seite?“ In: ZfM – Zeitschrift für Medienwissenschaft. Vol. 10, 2014.

Sollte mich je eine Medienwissenschaftlerin fragen, was meine persönliche Medientheorie sei (zum Beispiel für einen Kettenbrief in einer medienwissenschaftlichen Zeitschrift), dann würde ich zunächst antworten: Nicht alles sollte Gegenstand der Medientheorie sein. Oder zugespitzt: Nicht alles ist ein Medium! Mit dieser Antwort wäre immerhin minimalstpolemisch die Überzeugung angedeutet, dass sich dies in der deutschsprachigen Medienwissenschaft gegenwärtig anders darstellen könnte. In der ihm eigenen Klarheit hat Lambert Wiesing diesen Umstand kürzlich auf den Punkt gebracht: „Media theories analyze their own ’home-made media,’ for the phenomena analyzed as media have been identified as such only by the respective theories. We are dealing with media theories of things that without these theories would not be media…“

Sollte die Medienwissenschaftlerin jener medienwissenschaftlichen Zeitschrift insistieren und weiter wissen wollen, was denn nun meine persönliche Medientheorie sei, dann bliebe mir derart in die Ecke getrieben nur die Ausflucht über den Begriff der „shotgun marriage“, den Geoffrey Winthrop-Young in seinem Beitrag ins Spiel bringt: In gewisser Weise fühle ich mich als Filmwissenschaftler durch institutionelle Zwänge in eine Ehe mit vielen Medienwissenschaftlern gedrängt, deren Interessen ich weder teilen kann, noch deren Interessensgebiete ich durchdringe. Vor dem Hintergrund, dass in der Medienwissenschaft so vieles – alles? – als Medium begriffen werden kann, ist dies nun weitaus weniger provokativ zu verstehen, als es zunächst klingen mag. Denn wer interessiert sich trotz des „universalgelehrten Charakters der Medientheorie“(pace Ralf Adelmann) für alles? Nun mag das angesichts der mondänen Weitläufigkeit breitinteressierter Medienwissenschaftler etwas schrebergärtnerisch, um nicht zu sagen: hinterwäldlerisch klingen. Aber der intensive Blick auf den Einzelgegenstand hat zumindest für einen eher kleingartenkolonial veranlagten Kopf wie mich den Vorteil, dass ich noch den Baum vor lauter Wald erkenne.

Aber, so die Medienwissenschaftlerin der medienwissenschaftlichen Zeitschrift möglicherweise weiter, was ist es denn nun, was Dein Interesse weckt? Als an Filmtheorien interessierter Filmwissenschaftler – der Medienwissenschaftler vor allem deshalb ist, weil Film (auch) als Medium begriffen wird – würde ich der Medienwissenschaftlerin der medienwissenschaftlichen Zeitschrift diplomatisch antworten: Mich interessieren vor allem jene Medientheorien (vulgo: Filmtheorien), die sich die ontologischen und phänomenologischen Fragen stellen „Was ist ein Film?“ und „Wie lässt sich die Filmerfahrung beschreiben?“ Damit ließe sich gleichzeitig eine – wenn auch grob schematisierte – Antwort auf die Frage nach meiner „medienwissenschaftlichen Praxis“ geben.

Denn einerseits stellt sich gerade die ontologische Suche nach dem Kern des Films in der Arbeit mit Studentinnen und Studenten als besonders brauchbar heraus, weil sich hierüber trefflich streiten lässt. Gerade die besonders normativ argumentierenden Theoretiker sind in der Seminar-Praxis aufschlussreich, da sie zu Widersprüchen herausfordern. Hier reicht das Spektrum von klassischen Theoretikern wie Béla Balazs, André Bazin und Siegfried Kracauer bis Zeitgenossen wie Stanley Cavell, Noël Carroll und Lev Manovich. Didaktisch noch gewinnbringender lässt sich nach meiner Erfahrung über die Frage „Was ist ein Film?“ im Zusammenhang mit der Frage „Was unterscheidet den Film von Photographie, Malerei, Theater, Literatur oder Computerspiel?“ streiten. Diese Art ‚vergleichender Kunst- und Medienwissenschaft’ kommt aber natürlich nicht ohne die Theorien dieser anderen Künste und Medien aus. Auch deshalb bin ich in der Seminarpraxis an Theorien einzelner Medien vielmehr interessiert als an umfassenden Medientheorien.

Die phänomenologische Frage nach der Filmerfahrung bildet andererseits den Kern des forschenden Teils meiner medienwissenschaftlichen Praxis. Dabei stehen vor allem die affektiv-leiblichen Filmerfahrungen des Zuschauers im Zentrum. Folglich spielen in meiner Forschung neben den genuin filmwissenschaftlichen (und von Merleau-Ponty inspirierten) Arbeiten Vivian Sobchacks vor allem Phänomenologen eine Rolle, die sich um die genaue Beschreibung affektiver Erfahrungen an sich verdient gemacht haben. Hier sind zuallererst Hermann Schmitz und Jack Katz zu nennen, aber auch Jean-Paul Sartre, Hilge Landweer, Matthew Ratcliffe und andere. Ein besonderer Schwerpunkt liegt derzeit auf einer phänomenologischen Beschreibung der kollektiven Zuschauererfahrung im Kino – und mithin auf dem Umstand, dass die Anwesenheit ko-präsenter Anderer die Filmerfahrung erheblich beeinflussen kann. Es wäre natürlich ein Zeichen bemitleidenswerter Hybris, zu behaupten, dies seien „die drängendsten medienwissenschaftlichen Fragen.“ Aber es sind zweifellos Fragen, die sich jemandem aufdrängen, der in der Geschichte der Filmtheorie nicht jede Antwort findet. Eine an affektiven und kollektiven Erfahrungen des Kinos interessierte Phänomenologie wäre dann wohl auch die Filmtheorie (vulgo: Medientheorie) für die ich einstünde.

Natürlich ist dieser Kettenbrief eine unverschämte und daher höchst willkommene Provokation der ZfM-Redaktion: Per Zufallsgenerator ausgewählte Medienwissenschaftlerinnen und Medienwissenschaftler per Paukenschlag aus ihrem Alltagsschlummer zu reißen und zu einer Selbstreflexion anzuregen – dahinter kann nur die Vermutung stecken, es wäre mal wieder Zeit, sich Gedanken über das eigene Fach zu machen. Um einen zu Tode zitierten Klassiker der Medientheorie noch weiter zu malträtieren: The medium is the message. Die Botschaft ist angekommen.