Julian
Hanich


Texte zum Kino

“Elegy” (2008) von Isabel Coixet

Nennen wir es die poetische Gerechtigkeit der Filmgeschichte. Weil Frauen kaum Zugang zu den kreativen Schaltstellen des Kinos hatten, lag das Melodrama fast ein Jahrhundert lang in Männerhand. Ausgerechnet das emotionalste aller Genres, gerichtet an ein weibliches Publikum und daher als women’s weepie verschrien, wurde von Regisseuren wie D.W. Griffith, King Vidor, Max Ophüls oder Douglas Sirk dominiert. Doch heute schwingt das Pendel in die andere Richtung. Einerseits lassen sich immer weniger Männer das herzerwärmende Vergnügen am Weinen im Kino von Geschlechterstereotypen untersagen. Andererseits stammen die aufwühlendsten Melodramen von Frauen. Sieht man von Pedro Almodóvar oder Wong Kar-Wai ab, drücken vor allem die Dänin Susanne Bier („Nach der Hochzeit“) und die Spanierin Isabel Coixet („Mein Leben ohne mich“) dem Genre ihren Stempel auf. Und das mit jedem Film aufs Neue. Es war daher nur eine Frage der Zeit, bis die beiden einen Anruf aus Hollywood bekommen würden. Und siehe: Susanne Bier hat im Mai mit „Things We Lost in the Fire“ vorgelegt; Isabel Coixet zieht jetzt mit ihrer Philip-Roth-Adaption „Elegy“ nach.

Im Mittelpunkt des Films steht der New Yorker Literaturkritiker David Kepesh (Ben Kingsley), ein kultivierter Mann, der auch im fortgeschrittenen Alter noch eine hohe Anziehungskraft auf Frauen verströmt. Diese Tatsache ist ihm, dem Autor von „Die Ursprünge des amerikanischen Hedonismus“, durchaus bewusst – weshalb er nicht umhinkommt, diesen Vorzug weidlich auszunützen. Eines Tages begegnet er einer sehr jungen, sehr schönen Frau (Penélope Cruz) mit sehr dunklem Pony und noch sehr viel dunkleren Augen, die den sehr schönen Namen Consuela trägt. Just in dem Augenblick, als er sie das erste Mal vor sich sieht, hat er schon jenen Anfängerfehler begangen, der älteren Bonvivants nicht unterlaufen sollte: Er verliebt sich. Ausgerechnet er – der Mann, der sein Leben am liebsten nach dem Gleichmaß des Metronoms takten würde; dessen Lieblingswort „vielleicht“ ist; der sich entwindet, wenn ihn jemand in eine Gemeinschaft einzubinden versucht – ausgerechnet er stürzt sich in das Wagnis der Liebe. Weil Liebe aber Selbstaufgabe und Bereitschaft zum Verlust bedeutet, gerät sein rechtwinkliges Individualisten-Leben in Schieflage – und das von Consuela mit dazu.

30 Jahre liegen zwischen den beiden. Aus diesem Grund mag die Wahl der literarischen Vorlage auf den ersten Blick pikant erscheinen. Haben nicht einige Kritiker und Kritikerinnen nach der Lektüre von Philip Roths „Das sterbende Tier“ die Hände über den Kopf zusammengeschlagen und „Altherrenphantasie!“ gestöhnt? Hat sich Isabel Coixet also dieses Mal in der Wahl ihres Stoffes vergriffen? Nichts könnte falscher sein. Denn zunächst einmal beinhaltet der Begriff „Altherrenphantasie“ kein ästhetisches Urteil, sondern verschleiert häufig nur ein diskriminierendes Unbehagen. Dass ergraute Männer am Lebensabend nicht erschöpft in den Ohrensessel fallen, sondern in ihnen noch erotisches Feuer lodert, weckt offenbar Angst und Abscheu. Hinter dem Vorwurf der Altherrenphantasie steckt der Ekel vor einer der wenigen Formen der Sexualität, die in unserer Kultur noch tabuisiert sind: der Sex des gealterten Körpers. „Elegy“ gehört daher in die Reihe ehrenwerter Filme, die sich vor diesem Thema nicht wegducken, sondern das späte Begehren in seiner ganzen Komplexität ausbreiten. Dass dies von einer Frau geschieht, erhöht natürlich den Reiz.

Wer dann noch einen Moment länger nachdenkt, merkt, wie perfekt „Elegy“ ins Muster von Isabel Coixets Vorgängerfilmen passt. Man sollte sich von dem eleganten Hell-Dunkel-Bildern, den gleitenden Kamerafahrten und den gepflegten Erik-Satie-Stücken nicht täuschen lassen. Coixet mag sich für diesen Film den gehobenen Stil der oberen Mittelklasse von Manhattan anverwandelt haben – „Elegy“ steht den raueren Arbeiterklassemelodramen „Mein Leben ohne mich“ (2003) und „Das geheime Leben der Worte“ (2005) thematisch in nichts nach. Erneut meditiert Coixet mit berührender Einfühlsamkeit über die Zerbrechlichkeit des Körpers und das Leiden, das dessen Vergänglichkeit in menschliche Beziehungen trägt.

Der Begriff „Elegie“ bezeichnet ein Klagelied. Doch der Film hätte genauso gut „Memento mori“ heißen können. Mit ergreifender Heftigkeit hallt sein Ruf hinein die dunkle Stille, die sonst über diesem Thema liegt: Mensch, Dein Leben ist flüchtig! Sei Dir der Endlichkeit von Schönheit und Vitalität bewusst! Natürlich ist dieses barocke Motiv schon in Roths grandiosem Roman angelegt. Doch anstatt in das übliche Lamento zu verfallen, wie überflüssig oder mangelhaft die Adaption sei, darf man dieses Mal einen Lobgesang auf die Verfilmung anstimmen. Denn das Kino hat gegenüber der Literatur einen Vorteil, den Isabel Coixet voll auszuspielen weiß und mit der sie Roths Roman eine weitere Dimension erschließt: die betörende Sinnlichkeit der Bilder ihrer Stars. Sind nicht Schönheit und Vitalität der glamourösen Darsteller genau jene Währungen, mit denen das Hollywood-Kino seit jeher so verführerisch zu handeln weiß? Weil die plastische Eindeutigkeit des Filmes die menschliche Schönheit in viel stärkerem Maß als die immer etwas vage Leserimagination zur Anschauung bringen kann, haben Filmbilder auch ein höheres Potential, beklemmend auf das Ende voraus zu weisen: den körperlichen Verfall. Ein Mehltau der Melancholie legt sich über das Gemüt des Zuschauers bei der Vorstellung, dass der charismatische David und die bezaubernde Consuela – der wunderbare Ben Kingsley und die unfassbar schöne Penelope Cruz – einmal nicht mehr sein werden. Es ist die existenzielle Trauer der Vergänglichkeit.