Julian
Hanich


Texte zum Kino

“Pirates of the Caribbean” (2003) von Gore Verbinski

Dieser Mann ist ein Witz (um nicht zu sagen: ein Depp). Wenn er spricht, lallt er antiquiertes Kauderwelsch. Wenn er geht, wankt er, als balancierte er auf der Reling eines Hurrikan-umtosten Schiffes. Vom Kinn hängen ihm geflochtene Ziegenbartspitzen. Aus dem verfilzten Haar baumeln bunte Ketten. Und für das Kajal unter seinen Augen muss er sämtliche „Schleckers“ der Karibik geplündert haben. Dieser Mann ist Jack Sparrow. Ein tuntiger Paradiesvogel. Ein Glamrocker avant la lettre. Ein Rastafari der sieben Meere. Kurz: einer, der zuviel Sonne und „Bacardi“ abbekommen hat an einem der karibischen Werbefilmstrände. Zurecht (so scheint es zunächst) wird er als der schlechteste Pirat aller Zeiten bezeichnet.

Dieser Kerl, gespielt vom urkomischsten Johnny Depp seit Menschengedenken, könnte einem Leid tun. Bei einer Meuterei wurde ihm sein Schiff abgeknöpft, weshalb er jetzt arbeitslos und abgebrannt in der Karibik abhängt. Sein Schiff, die Black Pearl, ist in den Händen von Captain Barbossa (Geoffrey Rush) und dessen Lumpenpack von Crew. Unzählige marodierende Widerlinge, bei denen es höchste Zeit wird für eine Behandlung mit „Colgate“ und „Wella Balsam“. Doch die Freibeuter haben ein existenzielles Problem: In ihrer Gier haben sie sich an einem Schatz vergriffen, der mit einem Bann belegt war. Zur Strafe fristen sie jetzt ihre Tage als Untote. Und wenn sie nachts ins Mondlicht treten, mutieren sie zu klappernden Skeletten. Verflucht: Sie sind buchstäblich Geisterfahrer auf einem Narrenschiff.

Aber weil neben diesen ranzigen Kerlen natürlich ein paar schöne Gesichter nicht fehlen dürfen, gibt es die freche Gouverneurstochter Elizabeth Swann (Keira Knightley) und William Turner (Orlando Bloom), der zwar so heißt wie Englands bedeutendster Maler, aber leider nur ein schmachtender Schwertschmied ist. Dafür wird er aber irgendwann, versteht sich, eine Liebe von Swann. Damit dürfte auch die Zielrichtung der drei Gruppen klar sein: Jack will sein Schiff, die schöne Frau will Will und die untotbaren Piraten wollen endlich ihre Ruhe.

Diese Zombies darf man übrigens als augenzwinkernde Allegorien auf das Genre verstehen: Ob „Piraten“ (Roman Polanski), „Hook“ (Steven Spielberg), „Muppet Treasure Island“ (Brian Henson) oder „Cutthroat Island“ (Renny Harlin) ― der Piratenfilm war in den letzten zwanzig Jahren völlig tot und weilte doch immer unter uns. Nach „Fluch der Karibik“ (Gore Verbinski), diesem bombastischen, überladenen, romantischen, überlangen, ziemlich witzigen, weil selbstironischen Film könnte das Genre ― auch hier dienen die Zombies im Film als Vorbild ― wieder zum Leben erweckt werden: Der Film ist ein formidabler Swashbuckler.

Und ein echter Blockbuster noch dazu. 125 Millionen Dollar hat er gekostet. Über 260 Millionen Dollar haben die Piraten bisher an den amerikanischen Kinokassen erbeutet ― kaum ein Film war erfolgreicher in diesem Sommer des ökonomischen Missvergnügens. Was den Film darüber hinaus als Blockbuster interessant macht, ist seine neue Taktik der Synergie. Hellsichtige Sarkasten haben schon vor Jahren behauptet, dass Hollywood-Filme nur noch zeitlich gedehnte Werbeclips seien für den Verkauf des Soundtracks, den Videoverleih, die Wiederaufführung im Fernsehen, das dazugehörige Sortiment an Knautschpuppen, das auf dem Film basierende Computerspiel und den passenden Themenpark. Mittlerweile ist diese Kette der gegenseitig verstärkenden Werbeeffekte noch verschlungener geworden. Computerspiele werden zu Filmen („Lara Croft“); auf DVDs ist Material von Filmen zu sehen, die noch gar nicht im Kino gelaufen sind („Herr der Ringe“); die Filmdramaturgie imitiert die Struktur von Videospielen („The Matrix“). Alles ist verbunden, alles ist möglich.

„Fluch der Karibik“ ist nun der erste Film, der den berühmten Namen und das Spektakel einer Freizeitpark-Show für sich nutzt. Wer je in einem der Disneyparks in Kalifornien, Florida, Paris oder Tokio war, kennt die „Pirates of the Caribbean“. Diese 15-Minuten-Wasserbootfahrt durch die Piratenwelt ist eine der ältesten Disney-Attraktionen, an ihr hat sogar noch der alte Walt mitgearbeitet. Das Schlagwort „Kino der Attraktionen“, in den neunziger Jahren oft als polemische Bezeichnung für die Rückkehr des Blockbusters zu den handlungsarmen Anfängen des Stummfilmkinos missbraucht, hat also selten besser gepasst. Und in der Tat: Der Film ist voll von Attraktionen. Schwerter klirren, Fäuste fliegen, Kanonen krachen. Manchmal ploppt sogar ein Augapfel aus seiner Höhle heraus. Es gibt Action, Pyrotechnik und aberwitzige Computereffekte. Doch all der Aufwand wäre viel Krawall und Lärm um nichts (Produzent: Jerry Bruckheimer), wäre da nicht dieser sensationelle Hauptdarsteller. Die Attraktion schlechthin ist, man muss es so sagen, ein Depp aus Fleisch und Blut.