Julian
Hanich


Texte zum Kino

“Le pornographe” (2001) von Bertrand Bonello

Ist die nächste Bastion gefallen? Bröckelt wieder eine Säule der Zivilisation? Die Bilder im Kino sind so explizit wie nie. Beinahe alles ist möglich. Es wird gebumst und gevögelt mit sichtbarer Penetration. Der erigierte Penis, lange verpönt und verborgen, steht stramm im Bild. Es gibt Fellatio und Vergewaltigung. Es gibt Selbstbefriedigung und Stellungsvariation. Die Filme tragen Titel wie „Baise-moi ─ Fick mich“, „Intimacy“, „Lucia und der Sex“ oder „A ma soeur“. Die Regisseure heißen: Catherine Breillat, Leos Carax, Patrice Chéreau, Julio Medem oder Lars von Trier. Voilà: Penis und Hardcore-Sex sind im europäischen Autorenkino angekommen.

Doch wer jetzt die abgewetzten Pornographie-Aktenordner herausholt und die Filme unter „Skandal“ und „Tabubruch“ einsortiert, heftet sie in der falschen Sparte ab. Denn wo bitte taugt Sex bei uns noch zur Provokation? Ganze Fernsehsender finanzieren sich mit peitschenschwingenden 0190-Dominas und stöhnenden Lustmädchen, die dir beim falschen Zapp sofort messerscharfe Befehle erteilen: „Ruf mich an!“ In der Kinowerbung („Lätta Hoch2“) wird ein threesome angedeutet und auf die Analsex-Szene in „Der letzte Tango von Paris“ angespielt. Es genügt, ein bisschen an der Maus herumzufummeln, bevor sich das weltweite Wunderweb der Pornographie ausbreitet. Und haben nicht die anderen Künste dem Kino längst den Weg geebnet? Von Jeff Koons bis Robert Mapplethorpe ist Hardcore in der Bildenden Kunst seit den 80er Jahren musealisiert. Und in der Literatur, die vom Marquis de Sade bis Henry Miller eine lange Tradition kennt, erlebt die Beschreibung von Sex mit Catherine Millet, Nelly Arcan und Christine Angot gerade einen, ja man muss es so sagen, neuen weiblichen Höhepunkt.

Wieso sollte sich das Kino keusch hinter Feigenblättern verstecken? Die Ankunft von erigiertem Penis und Hardcore-Sex im Kunstfilm ist nur ein konsequenter Schritt in eine Welt, in der Sex allgegenwärtig ist. Das Kino zieht nach. Die Bastion wurde kampflos eingenommen. Das Abendland wird davon nicht untergehen. Und als Behüter der Jugend hilft immer noch die Freiwillige Selbstkontrolle (FSK). Wo überall pornographische Bilder lauern, muss das Medium der bewegten Bilder darüber reflektieren und sich künstlerisch ein Bild davon machen dürfen. Der Autorenfilm bedient sich der Rhetorik des Pornogenres, ist aber selbst alles andere als Pornographie. Nur in der Auseinandersetzung mit den Elementen des Pornos, kann dessen frauenfeindliche und patriarchale Rhetorik ausgehebelt werden. Nur so wird Sex mehr als pure Stimulierung der Zuschauerlust. Und nur so kann Sex weiter entmystifiziert werden. Deshalb ist auch der Vorwurf „Sex sells!“ nicht mehr als ein billiges Argument ─ zumal wir von Autorenfilmen und nicht von Blockbustern sprechen.

Auch das neueste Produkt der Hardcore-Welle lässt sich nicht als Skandalfilm oder pornographischer Lockruf abtun – und das, obwohl der Film „Der Pornograph“ heißt und scheinbar alles tut für die Provokation. Der Regisseur Bertrand Bonello geht weiter als alle anderen bislang: Er zeigt einen money shot. So heißt es in der Pornobranche, wenn ein Mann ins Gesicht einer Frau ejakuliert. Die Einstellung dauert 12 Sekunden. In Großbritannien wurde sie herausgeschnitten.

Doch die Einstellung ist ein wichtiges Element in einem Film-im-Film-Szenario. Der gealterte Pornoregisseur Jacques Laurent (Jean-Pierre Léaud) kehrt nach Jahrzehnten wieder ins Business zurück. Er lehnt money shots und Nahaufnahmen ab. Doch diese alten Regeln gelten nicht mehr. Sein junger Produzent setzt sich durch am Set ─ und hält die Kamera drauf. Laurent sieht traurig weg. Für ihn bedeutet der money shot eine Grenze: Wo früher Schauspieler Lust darstellen mussten, genügt jetzt die Nahaufnahme. Wo früher ein Regisseur gefragt war, reicht jetzt eine DV-Kamera. Der money shot ─ berühmt geworden durch „Deep Throat“ (1972), den vielleicht berühmtesten aller Pornofilme ─ wurde erst um 1977 zu einem Muss im harten Sexfilm. Darum geht es Bonello. Er schildert den Niedergang eines Genres. Es klingt Nostalgie an. Eine Wehmut nach der Zeit des qualitätsvollen Pornofilms. In diesem Punkt, und nur in diesem, erinnert „Der Pornograph“ an Paul T. Andersons „Boogie Nights“.

Bonellos Pornograph Jacques Laurent ist ein Legende ─ aber nicht mehr zeitgemäß. Er reflektiert über seine Filme. Er komponiert seine Einstellungen und redet von Innovation. Er ist eine Künstlerfigur. Ausgerechnet im Mai 1968 hat er als Pornoregisseur begonnen. Ein Akt des Widerstands und der Subversion. „Ich glaube, du bist zu alt dafür“, hält ihm sein junger Produzent entgegen und übernimmt selbst die Regie. Schnelles Geld ist mit dem langsamen Laurent nicht zu machen.

Doch der Niedergang des Pornofilms dient Bonello letztlich nur als Hintergrund für eine Parabel über das Verschwinden des europäischen Autorenkinos. Der Film erzählt eine Vater-Sohn-Geschichte. Doch eigentlich geht es um das Kino selbst. „Der Pornograph“ beginnt mit einer Einstellung auf ein gebanntes Filmpublikum. Und er endet mit einem Zitat von Pasolini. Geschichte, sagt Pasolini, ist die Passion von Söhnen, die ihre Väter verstehen wollen. Mit Geschichte meint der kanadisch-französische Regisseur Bonello, 34, die Geschichte des Films.

Er hat sich selbst aufgemacht, seine großen Kinoväter zu verstehen. An einer Stelle des Films werden die Namen Bergman und Antonioni beschworen. Mit seinem Film will sich Bonello in ihren Schatten stellen. „Die jungen drehen Pornos wie Videoclips“, heißt es einmal. Bonello arbeitet mit langen Einstellungen. Die Kamera bewegt sich wenig. Immer wieder zeigt er symbolisch aufgeladene Häuserfassaden, Bäume und Wolken. Und er besetzt Jean-Pierre Léaud. Mit Léaud ─ einer Ikone des französischen Kinos, dem Godard-Schauspieler und Alter Ego von Truffaut ─ baut Bonelle die sichtbarste Brücke zum Kino der Autorenfilmer. „Der Pornograph“ ist kein Porno: Er sehnt sich zurück nach der bildungsbürgerlichen, kanonischen Kinotradition.