Julian
Hanich


Texte zum Kino

“Looking for Eric” (2009) von Ken Loach

Am Anfang dreht Eric (Steve Evets) verwirrte Runden im Kreisverkehr. Der Mann mit den grauen Bartstoppeln im grauen Gesicht fährt gegen den Verkehrsstrom an. Damit ist sein Leben bereits treffend beschrieben: Bei Eric läuft seit geraumer Zeit alles in die falsche Richtung. In seinem Job als Postmann geht es nicht voran. Seine Stiefsöhne schlafen zu lange oder hängen vor dem Computer herum. Der eine hat sich neuerdings sogar mit Kriminellen eingelassen. Zu allem Überfluss zwingt ihn seine Tochter auch noch dazu, Kontakt zu seiner ersten großen Liebe Lily Devine (Stephanie Bishop) herzustellen – jener Frau, die er seit 25 Jahren nicht vergessen kann. Kein Wunder, dass in Erics Wortschatz der Ausdruck „Fuck“ eine herausragende Stelle einnimmt. Jetzt wäre es an der Zeit, jemand würde das zerrüttete Nervenbündel auf die richtige Spur bringen. Doch wer?

An dieser Stelle springt ihm sein Regisseur Ken Loach mit einer launigen Drehbuch-Idee zu Seite. Eric heißt zwar mit Nachnamen Bishop, doch sein Gott entstammt nicht der Christen-Bibel – sondern dem Sportteil der Tageszeitung. Eric betet einen weltlichen Halbgott mit Migrationshintergrund an, der lange Zeit in den Kathedralen der Moderne gefeiert wurde: den französischen Fußballer Eric Cantona, in den neunziger Jahren der große Held von Manchester United. „What a friend we have in Jesus, he’s a saviour from afar, what a friend we have in Jesus, and his name is Cantona“, skandiert Eric mit seinen Kumpels. Und spätestens als eines Tages ebendieser Cantona aus der Tiefe des Raumes kommt und mitten hinein ins Leben unseres verunsicherten Helden tritt, wird klar: Ken Loachs neuer Film „Looking for Eric“ darf auch als Kommentar auf die Rolle des Fußballs als Ersatzreligion säkularer Gesellschaften gelesen werden. Eric wird zum Alter Ego von Eric: Beichtvater, Therapeut und Motivator. Der neue Heilsbringer spricht nicht in Gleichnissen sondern in Sprichwörtern und Aphorismen, die der leibhaftige Eric Cantona mit sichtbar beschwingter Selbstironie vorträgt. Kann mit der Unterstützung dieses genialen Steilvorlagengebers noch irgendwas schieflaufen?

Mit dem 73-jährigen Ken Loach geht es einem längst wie mit dem 73-jährigen Woody Allen: Man blickt mit wohltemperierter Vorfreude auf jede neue Lieferung, die zuverlässig alljährlich die Kinos erreicht. Auch wenn die ganz große Erwartungsspannung nicht mehr aufkommen mag – zu vertraut sind Stil und Anliegen über all die Jahre geworden–, so hat Loachs verlässliche Betriebsamkeit doch die beruhigende Wirkung eines Rituals: Man weiß, was zu erwarten ist – und das hat fast immer hohes Niveau.

Ken Loach gilt landläufig als Chronist der britischen Arbeiterklasse.  Er ist bekannt für seine packenden Anklagen neoliberaler Verwerfungen und ihrer Folgen für die working class – man denke an „Bread and Roses“, „The Navigators“ und „It’s a Free World“. Doch daneben kennt man auch den Ken Loach des revisionistischen Historienfilms, der von „Land and Freedom“ bis „The Wind that Shakes the Barley“ die Geschichte aus der Sicht der Unterdrückten zu schreiben versucht. Zudem ist da der Ken Loach der ruppig-liebevollen Außenseiterporträts, der in „Raining Stones“ oder „Sweet Sixteen“ Arbeitslosen, Alkoholikern oder anderen Ausgeschlossenen Leinwandwürde verleiht. Und natürlich sollte man auch den Ken Loach der zartbitteren Liebesgeschichte nicht vergessen, von „My Name Is Joe“ bis „Just a Kiss“.

Was all diese Filme verbindet, ist Loachs unverwüstlicher Glaube an die Kraft des mitmenschlichen Zusammenhalts. Sei es, indem er den eklatanten Mangel schmerzhaft bloßlegt. Sei es, indem er die Solidarität ganz direkt als Befreiung feiert. Solidarität: Die vier Silben dieses wohligen Wortes verströmen die Wärme der Kameraderie. Wo zusammengehalten wird, verzieht sich die distanzierende Kälte des Individualismus. Ken Loach ist ein Solidaritätsbeschwörer. Was unseren unterkühlten Gesellschaften abgeht, sehnt er mit heißem Herzen herbei. Deshalb sind seine Filme, trotz ihres Spülsteinrealismus, häufig rührende Utopien.

In „Looking for Eric“, dieser Mischung aus buddy movie, Außenseiterstudie und Romanze, bringt schon der Titel das Doppel-Motiv des Films auf den Punkt. Einerseits verweist er auf Erics Suche nach sich selbst: Stück für Stück muss er den Scherbenhaufen seines Lebens aufklauben und die Bruchstücke mühsam zu einem neuen Gebilde zusammenkleben. Andererseits benennt der Titel auch den Blickwinkel der Familie, Freunde und Kollegen um ihn herum: Sie alle halten Ausschau nach Eric. Ganz solidarisch, wie es sich für einen Ken-Loach-Film gehört.