Julian
Hanich


Texte zum Kino

Die Stunde des Unpatrioten (2003)

Die dritte Karriere: Innerhalb weniger Tage starten zwei Filme des Australiers Phillip Noyce ― „Long Walk Home“ und „Der stille Amerikaner“

In Phillip Noyces frühem Film „Heatwave“ (1983) gibt es eine Szene, in der ein idealistischer Architekt über die Schwierigkeiten des Künstlers nachdenkt. Für einen Künstler, der Schönes schaffen wolle, sagt er, sei es schwer, jemanden mit der gleichen Vision zu finden. Aber es sei noch tausendmal schwerer, jemanden mit der gleichen Vision und Geld zu finden. An diese Geschichte muss man denken, wenn man sich an diesem Frühlingsmorgen mit Phillip Noyce, 53, über seine Karriere unterhält. Noyce sitzt mit ausgebeultem Sakko und Turnschuhen in der Bar des „Four Seasons“-Hotels. Ein wuchtiger Mann. Sehr groß und sehr schwer. Früher war er mal Rugby-Amateur. Die Gegner werden nicht unglücklich gewesen sein, als er zum Filmemachen wechselte.

Die Worte des Architekten spiegeln die Situation des Filmemachers wider. Aber wenn man den Australier Noyce über seine Zeit in Hollywood reden hört, ist man beinahe überzeugt, er würde die Geschichte heute anders betonen: Es gibt viele Leute mit Geld ― aber wenige mit der gleichen Vision. „Ich war ein Miet-Regisseur. Ich habe Filme gedreht, die von der Hollywood-Maschine von mir verlangt wurden“, sagt er. Seine Stimme ist weniger tief, als man erwarten würde, eher kehlig. Manchmal lacht er laut. Manchmal wird er auch sehr ernst: „Ich stand an einem Fließband. Wenn der Film vorbeikam, rief ich „Action!“ und „Cut!“. Und wenn er anschließend weiter befördert wurde, nahm ihn jemand anderes auf.“

„Heatwave“ war seinerzeit kein Erfolg in Australien. Der Mann, der das Geld für Noyces Vision bereitgestellt hatte, starb danach verärgert und frustriert an einem Herzinfarkt. Und Noyces Gewissen war mit einem Mal von den Dämonen der Schuld umstellt: „Ich habe mich damals immer gefragt: War ich es, der ihn umgebracht hat? Ich fing an, darüber nachzudenken, ob ich nicht noch mehr versuchen sollte, das Publikum anzusprechen.“ Als dieser Denkprozess zu Ende war, fand sich Noyce in Hollywood wieder. Wie sein Vorfahre vor 150 Jahren, der aus dem rheinischen Neuss (daher der Name) nach Australien aufgebrochen war, um nach Gold zu schürfen, betrat Noyce einen fremden Kontinent und suchte nach der verborgenen Formel des Erfolgs. Nach intellektueller Tiefe schürfte er nie. Aus seiner Zeit in Hollywood stammen primitive Thriller wie „The Bone Collector“ (1999) oder brachiale Actionkracher wie die Tom Clancy-Verfilmungen „Die Stunde der Patrioten“ (1992) und „Das Kartell“ (1994). „Von diesen High-Tech-Thrillern habe ich die Schnauze voll“, sagt er. Eigentlich war er vorgesehen für eine weitere Clancy-Verfilmung. Doch die Story von „Der Anschlag“ klang ihm zu weit hergeholt.

Statt dessen wagte er einen Schritt zurück in die Vergangenheit: den Weg nach Hause. Mit „Long Walk Home“ (Kinostart: 29. Mai) kam er da an, wo er begonnen hatte: in Australien, beim politisch engagierten Kino. Plötzlich war es aus mit den patriotischen Spielen. Anklage stand auf dem Programm. Noyce drehte einen bewegenden Film über drei Aborigines-Mädchen, die von der Regierung in ein Erziehungslager verschleppt werden, aus dem sie ausbrechen und quer durch Australien fliehen.

Ein Wendepunkt. „Ich habe das Risiko, die Unsicherheit, den Kampf vermisst. Ich wollte wieder Filme machen, die etwas verändern können.“ Schon einmal hat er sich mit der Thematik der Aborigines auseinandergesetzt, 1978, in seinem Film „Backroads“. „Ich bin in einem Dorf im Südwesten Australiens aufgewachsen“, erzählt er. „Vor den Toren des Dorfes gab es ein Reservat, in dem die Aborigines auf engem Raum lebten und kontrolliert wurden. Man hat das als normal akzeptiert, aber irgendwann später realisiert: Moment mal, das ist doch seltsam! Deshalb sind in diesem Film die Schlauesten, Bestaussehendsten und Herzlichsten die Aborigines. Das ist ein bewusster Versuch, stereotypes Denken umzukehren.“ Noyce hat einiges richtig gemacht: „Long Walk Home“ ist sein bisher profitabelster Film.

Anschließend drehte er „Der stille Amerikaner“. Und auf einmal machten die Leute mit dem Geld wieder Probleme. Der Film über den Beginn der Verwicklungen Amerikas in Vietnam gelang zwar (Kinostart: 22. Mai). Doch dann krachten zwei Flugzeuge in das World Trade Center. Und auf einmal war die Welt, wie man damals sagte, nicht mehr die gleiche. „In den Previews nach dem 11. September schrieben uns die Leute, der Film sei unpatriotisch und antiamerikanisch.“ Der Produzent Harvey Weinstein verschloss den Film im Giftschrank. Noyce zeigte Verständnis ― wurde aber, je länger der Film zurückgehalten wurde, zusehends sauer. Weinstein, der gewichtige Riesenballon aus New York, und Phillip Noyce, der schwere australische Felsbrocken: Einen Kampf zwischen den beiden Giganten hätte man gerne ― aus sicherer Entfernung ― beobachtet. Doch zum Duell kam es nicht. Statt dessen griff Noyce in die Trickkiste. Nach einer Intervention von Hauptdarsteller Michael Caince, der auf Weinstein eingeredet hatte, präsentierte Noyce den Film beim Festival in Toronto und streute bei der Presse, dass der Film in Gefahr sei, in den Archiven zu verstauben. Weinstein geriet unter Druck. Erstens musste er erkennen, dass der Film bei den Kritikern gut abschnitt. Zweitens wurde klar, dass er als Zensor dastehen könnte. Doch Weinstein wäre nicht Weinstein, hätte er nicht sein „Spiel gespielt“, wie Noyce es ausdrückt. Der Miramax-Boss brachte den Film nur kurz in wenigen Kinos heraus ― und verzögerte das eigentliche Erscheinen bis nach der Wahl der Oscar-Academy. Kaum einer der Juroren konnte den Film gesehen haben. „Es war ein Wunder, dass Michael Caine nominiert wurde“, so Noyce. Auf die Frage, wie er zu Weinsteins Verhalten stünde, nimmt er sich Zeit: Er nippt an seinem Kaffee, setzt dann zögerlich an und sagt: „Das Potenzial des Films wurde nicht richtig genutzt. Amerika ist ein liberales Land. Auch in dem patriotischen Klima derzeit wollen die Leute geistig stimuliert werden.“

„Der stille Amerikaner“ war von Anfang an ein brisantes Unterfangen. Der Film basiert auf einem Buch, dessen Autor Graham Greene über Jahrzehnte vom FBI beobachtet wurde und das bei seinem Erscheinen 1955 in den USA als antiamerikanisch galt. In diesem Projekt lag all das, was Noyce vermisst hatte: Risiko, Kampf, Unsicherheit. „Greenes Roman diskutiert sehr wichtige Fragen über den Charakter der Amerikaner“, sagt Noyce. Doch dass seine Adaption vor und während des Irak-Krieges diese Aktualität bekommen würde…? „Ich hätte niemals gedacht, dass ‚Der stille Amerikaner’ völlig lebendig und wohlauf jeden Abend im Fernsehen zu sehen sein würde ― direkt aus dem Weißen Haus.“

In seinem nächsten Film wird es wieder über Amerika gehen. Phillip Noyce verfilmt Philip Roth. Ein „amerikanisches Idyll“, wie es Roths ironischer Titel verspricht, wird es bei den beiden Künstlern wohl nicht geben.