Julian
Hanich


Texte zum Kino

“Thirteen Days” (2000) von Roger Donaldson

Ein Feuerstrahl, dann hebt die Atomrakete ab und startet ins Meer der Nacht. Sie fliegt durchs All, über die schöne blaue Erde hinweg. Dann der Einschlag: Gelb, erhaben und wunderschön breiten sich die Detonationswellen aus und steigen langsam nach oben. Abwehrraketen starten. Währenddessen formt sich die explodierte Bombe langsam zum Pilz. Wieder heben Abwehrraketen ab, die wirkungslos im Nichts verschwinden. Dann ist der Atompilz vollendet: das Kunstwerk der Massenvernichtung leuchtet. Ein atemberaubender Anfang. Ein Auftakt der Angst.

 „Thirteen Days“ erzählt von der Bedrohung. Die Raketen brauchen nur fünf Minuten, um die USA zu erreichen, und sie gefährden 80 Millionen Menschen. Zweimal wird uns das gesagt, und dreimal explodieren nukleare Sprengkörper. Der Film bombt es uns ein, gewissermaßen: „Sie haben keine Ahnung, wie nah das Ende wirklich war…“ Amerika als schutzloses Jagdwild auf offener Prärie ─ soweit, my fellow Americans, darf es nie wieder kommen! Unverwundbar müsste man sein. Aber wie? Es geht um die Kuba-Krise vor 29 Jahren: Die Sowjets bauen Raketenbasen auf Castros Insel; Amerika drängt sie, wieder abzuziehen. Dreizehn Tage war die Welt nur einen Knopfdruck vom totalen Krieg entfernt. 13 ─ was für eine Zahl!

Aber eigentlich geht es ums Heute. Denn es ist zwar ein großer Schritt für die Menschheit, aber nur ein kleiner Schritt für den Zuschauer: von Kuba 1962 nach Amerika im Jahr 2001. Die Bedrohung ist immer noch da, schon vergessen? Widerliche Schurkenstaaten wie Nordkorea und Irak lauern nur darauf ihre Raketen auf Washington zu richten und das Land ins paläolithische Zeitalter zurückzubomben. Und auf welche Gedanken mag China kommen, der erwachende Gigant? Lehnen wir uns einen Augenblick ganz weit zurück und versuchen, „Thirteen Days“ als Film über die Gegenwart zu sehen. Dann klinkt sich der Film ganz geschmeidig in einen Diskurs von Heute ein und schreit uns dabei drei Buchstaben entgegen: NMD (National Missile Defense), die nationale Raketenabwehr. Plötzlich bekommt ein Historienfilm wie „Thirteen Days“ eine fast unheimliche Aktualität: Die Geschichte als Manipulations-Instrument. Oh wie verführerisch, dieser perfekt inszenierte Polit-Thriller. Die republikanische Propaganda-Maschine läuft. Der cowboystiefelnde Daddy der Nation wird sich die Hände reiben über soviel Unterstützung aus Hollywood.

Damals wie heute herrschte die Politik der Stärke. „Wir dürfen sie nicht mit Schwäche in Versuchung führen“, hatte Kennedy bei der Amtseinführung über die Kommunisten gesagt ─ und massiv aufgerüstet. In den tausend Tagen Kennedys wurde das Nuklear-Arsenal verdreifacht und die militärische Präsenz in Vietnam mehr als verzwanzigfacht. Immer wieder sehen wir im Film wie Kanonen geladen, Torpedos transportiert, Sprengkörper in Position gebracht werden. In einer beeindruckenden Einstellung fährt die Kamera langsam an der beängstigenden Spitze einer Sowjet-Rakete vorbei, die genau auf uns gerichtet ist. So sieht wahre Bedrohung aus. Doch selten bricht die Action wirklich los; wenn, dann aber im Ray-Ban-Look von „Top Gun“, diesem leinwandgroßen Army-Rekrutierungsposter aus den 80ern.. Der Film benimmt sich wie ein Kampfhund im Käfig, der wütend an den Gitterstäben wetzt und am liebsten losspringen würde, immer bereit zum Kampf. Aber was nicht war, darf nicht sein. Denn ─ auch wenn er manches verschweigt ─ mit den Fakten der Weltgeschichte nimmt es Regisseur Roger Donaldson genau.

„Thirteen Days“ stimmt auf die Bedrohung des 21. Jahrhunderts ein mit der republikanischen Moral der 50er und frühen 60er Jahre. Da waren die family values noch in Ordnung. Der Der Vater (Kevin Costner) sitzt am Frühstückstisch mit den fünf properen Kindern, während Mami in der Küche wurschtelt. Ein trautes Heim, das der Präsidentenberater Mr. O´Donnell nur verlässt um in die Kirche zu gehen oder gegebenenfalls das Vaterland zu retten. Es ist eine Zeit als das Oval noch kein Oral Office war, sondern ein magischer Ort. Eine quasi-religiöse Aura liegt über diesem Camelot der Macht, in dessen weißen Gemäuern Büsten und Bilder von George Washington und Abe Lincoln wachen. Die Artusrunde von JFKs (Bruce Greenwood) best and brightest besteht aus Männern, die denken und lenken, sinnieren und regieren, während die Frauen draußen Kaffee kochen und Partys organisieren. Das waren noch Zeiten, Mann, da müssen wir wieder hin.