Julian
Hanich


Texte zum Kino

Schund, Schmutz und Schmarrn
Warum sieht man sich schräge Filme an? Anmerkungen zu einem Publikumsphänomen

Was für ein Abend! In dem kleinen 35-Plätze-Kino in Berlin-Mitte, versteckt im Hinterraum einer Bar, war gerade ein mexikanischer Wrestler-Monster-Film aus dem Jahr 1970 über die Leinwand geflimmert. Und für die Neulinge unter uns Zuschauern, mit dem Phänomen des „schrägen Films“ noch unvertraut, war erst einmal Durchatmen und den Kopf freibekommen angesagt. In den vorangegangenen 84 Minuten war nicht nur die Welt vor einem dämonischen Wissenschaftler gerettet und eine Armee bestehend aus Frankenstein, Dracula, der Mumie, dem Zyklopen und einem grün angemalten Zwerg besiegt worden. Nein, wir durften auch noch ungelenke Latinas beim Ringkampf bestaunen. Wir konnten die mexikanischen Helden Santo und Blue Demon bei ihren erbärmlich choreographierten Action-Szenen bewundern. Wir waren Zeuge geworden von wackligen Pappkulissen, grotesk schlechten Schauspielerleistungen, völlig unmotivierten Handlungssprüngen und radikal kümmerlichen Spezialeffekten. Wir haben herzhaft gelacht über lausig zusammengeflickte Plastik- und Stoffmonster. Ja, wir haben sogar Szenenapplaus gespendet für besonders haarsträubenden Handlungsunsinn. Vielleicht hat der eine oder andere sogar überlegt, ob Ed Wood zurecht als der schlechteste Filmemacher aller Zeiten gilt – oder ob das gerade Gezeigte nicht doch viel, viel miserabler war.

Am Ende des Films drängte sich jedenfalls unweigerlich die Frage auf: Warum gehen Leute sonntags ins Z-inema oder am Mittwoch ins Babylon-Mitte, um Filme zu sehen wie „Cannibal Apocalypse“ oder „Stiefel, die den Tod bedeuten“? Wieso zahlen sie Eintritt für „Avanaida – Der Todesbiss der Satansviper“, einem Horrorfilm, dessen Spannungspotential mit zwei labbrigen Scheiben Toast zu vergleichen ist? Und was macht Reihen über B-Filmer und vergessene Spaghetti-Western so interessant?

Beim Nachdenken darüber fällt zunächst auf: Diese Art von Film hat keinen Namen. Oder vielleicht besser: Es gibt viele Namen, aber keiner trifft ins Schwarze. „Trash-Film“ klingt zu abwertend, denn nicht alles ist Müll. „Kult-Film“ ist zu vage, denn mittlerweile gilt beinahe jeder Film als kultig, der nicht den gewohnten Marktmustern entspricht. „B-Movie“ ist eigentlich ein historischer Begriff, der den billigen zweiten Film eines Double-Features bezeichnete – außerdem gelten heute B-Movies wie Jacques Tourneurs „Cat People“ zurecht als Klassiker. Pulp-Filme, Grindhouse-Kino, Mitternachtsfilme? Alles nur halbwegs passend. Am ehesten trifft es noch „Exploitationkino“, aber wer weiß damit schon was anzufangen? Philipp Stiasny und Jürgen Dittrich, die Veranstalter der Reihe im Babylon-Mitte, nennen sich deshalb: „Freunde des schrägen Films“.

Wenn aber selbst die Filme nicht auf einen Begriff zu bringen sind, wird man schwer einen einzelnen Grund herausgreifen können, warum sich Leute „schräge Filme“ ansehen. Bei manchen Zuschauern spielt sicherlich Nostalgie eine Rolle. Sie haben die Filme als Jugendlich mit beeindruckbaren Augen heimlich im Bahnhofskino oder auf Video gesehen. Im Kino tauchen sie noch einmal in die Vergangenheit ab. Andere treibt die Sammelwut. Mit cinephiler Gefräßigkeit verleiben sie sich Filme aller Art ein – egal woher, von wann und in welcher Qualität. Hauptsache auf Zelluloid und im Kino. Als weiteres Motiv kommt die Entdeckerlust hinzu, die Neugier auf Abseitiges, Fremdes und Vergessenes. Thomas Wind, der im Z-inema vor allem Filme zeigt, die in Deutschland nicht auf DVD zu erhalten sind, betont: „Es gibt unheimliche Perlen zu entdecken.“ Dazu gehören auch kulturgeschichtliche Skurrilitäten der alten Bundesrepublik wie „Die Brut des Bösen“ aus dem Jahr 1979. Damit versuchte sich der Schlagersänger Christian Anders („Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“) als deutscher Bruce Lee in Szene zu setzen.

Thomas Wind vermutet zudem, manche Cineasten würden die Abende im Z-inema als Abwechslung zum harten Brot der Filmkunst sehen: „Es ist entspannend, einen völlig sinnfreien Film zu sehen.“ Und hier nähert man sich vermutlich dem entscheidenden Antriebsgrund des Publikums: Die schrägen Filme lassen eine andere Form des Sehens zu. Sie stellen dem Zuschauer keine interpretatorischen Herausforderungen. Sie verlangen keine erhöhte kognitive Aufmerksamkeit. Und man versinkt auch nicht gebannt oder tief bewegt in der Welt des Films. Sie erlauben vielmehr eine gelockerte Betrachterposition, die stark auf Interaktion im Kinosaal angelegt ist: ironische Kommentare, höhnische Zwischenrufe, Szenenapplaus und vor allem Gelächter. Das Phänomen des „schrägen Films“ funktioniert vor allem als Kollektiv-Erlebnis.

Weil Filme wie „Der Tod trägt schwarzes Leder“ nicht durch ihren Kunstanspruch einschüchtern, fordern sie vom Zuschauer keinen bewundernden Blick nach oben. Vielmehr kann das Publikum auf den missratenen Film heruntersehen, ihn gar gemeinsam von oben herab verlachen. Darin steckt eine lustvolle Selbsterhöhung, eine vergnügliche Befreiung von den Zwängen kontemplativer Kunst. Die Theorie der Komik hat oft die Rolle des Kontrasts hervorgehoben: Gelacht wird, weil eine Diskrepanz entdeckt wird. Deshalb sind es gerade jene Momente, in denen sich der Film besonders aufplustert und wichtig nimmt, in denen er seine kümmerlichen Attraktionswerte mit großer Geste zur Schau stellt, die mit besonders lauten Reaktionen bedacht werden. Ein unbeholfener Film, der ernst und anspruchsvoll tut? Wie lächerlich. Und wie lustig!