Julian
Hanich


Texte zum Kino

Der Einstellungsdesigner
Der Kameramann Michael Ballhaus wird mit einer Ausstellung im Berliner Filmmuseum geehrt

An den Anfang jeder anständigen Künstlerbiographie gehört ein Moment der blitzartigen Erleuchtung. Es war das Jahr 1955. Der große Max Ophüls drehte gerade sein letztes Melodram „Lola Montez“. Und am Rande des Sets kauerte ein junger Mann, der über eine entfernte Tante Zugang bekommen hatte. Mit funkelnden Augen sah der 19-jährige Michael Ballhaus damals Ophüls’ tanzenden Kameras zu. In dem Augenblick wusste der junge B.: „Ich will Kameramann werden!“ Und ist’s geworden. Und was für einer.

Dass einer Filmgeschichte geschrieben hat, weiß man spätestens, wenn er zum Museumsstück wird. Das Berliner Filmmuseum hat Michael Ballhaus jetzt eine kleine Ausstellung zusammengestellt. Es ist die erste für einen Kameramann. Eine kleine Hommage, keine große Retrospektive ─ was bei über 80 Filmen auch nicht ganz einfach gewesen wäre. An der einen Seite des Raumes hängen Plakate seiner wichtigsten Arbeiten: von „Deutschland im Herbst“ und „Die Ehe der Maria Braun“ über „Goodfellas“ und „Dracula“ bis „Zeit der Unschuld“. Auf der anderen Wand sind Bilder von Dreharbeiten angebracht. In Vitrinen liegen Erinnerungsstücke. Und auf Bildschirmen schwärmen Dustin Hoffman, Robert Redford oder Emma Thompson von ihrem „Maikl“.

Auf einer Rückwand flimmert außerdem eine 15-minütige Collage berühmter Ballhaus-Einstellungen. Dabei sieht man die Kamera fast immer in Bewegung: bei Schwenks, Zooms und Fahrten. Vor allem natürlich bei seinem Markenzeichen: der 360-Grad-Kreisfahrt. In „Martha“ windet sie sich wie eine grausame Fessel um die beiden Protagonisten und schnürt sie zu einem Bund zusammen, bis dass der Tod sie scheidet. In „Die fabelhaften Baker Boys“ umschnurrt sie die laszive Michelle Pfeiffer mit erotischen Streicheleinheiten. Die Ballhaus-Kreisfahrt ist Teil einer bewegten Kameratradition in der deutschen Filmgeschichte, die mit der „entfesselten Kamera“ von Murnau und Karl Freund begann und über die Kamerafahrten von Ophüls bis zu den Raumdurchdringungen Fassbinders reicht.

Die Ausstellung ist auch ein Zeichen für den klammheimlichen Stolz, dass es wieder mal ein Deutscher in Hollywood geschafft hat. Und nicht nur einer, der Millionen von Dollars für patriotische Unabhängigkeitsschinken verpulvert oder Actiongewummer in Präsidentschaftsflugzeugen inszeniert. Auch keiner, der Zuckerbäckerglasuren auf Disneys Süßwaren streicht wie der Komponist Hans Zimmer. Nein, Michael Ballhaus ist ein ganz echter Künstler. Ein Bildarchitekt. Ein Lichtmaler. Ein Designer von Filmeinstellungen. Weshalb es auch gar nicht so verwunderlich ist, wenn Ballhaus nun einen Designerpreis, den Lucky Strike Award, verliehen bekommt. „Ich habe den Kameramann immer als einen sehr künstlerischen und viel weniger als einen technischen Beruf gesehen“, sagt Ballhaus.

Die Auszeichnung ist der mit 100.000 Mark höchstdotierte Designerpreis Europas ─ was vor allem die Kamera-Absolventen der DFFB ein paar Stockwerke über dem Museum freuen dürfte. Für sie hat Ballhaus mit dem Preisgeld eine Stiftung angelegt. „Für mich ist die DFFB eine Art Heimat. Ich habe hier schon 1968 als junger Dozent unterrichtet“, so Ballhaus. Und deswegen hat er für seine Stiftung die DFFB den Filmschulen in München und Hamburg vorgezogen, wo Ballhaus ebenfalls schon gelehrt hat.

Ballhaus wird sich auch in Zukunft um den deutschen Kameranachwuchs kümmern. Drehen wird er hier kaum mehr. „Es fällt mir schwer, Martin Scorsese, Mike Nichols oder Wolfgang Petersen abzusagen, um einen Film in Deutschland zu machen. Das müssen Sie verstehen.“ Verstehen wir natürlich. Schade ist es trotzdem.