Lothar-Günther Buchheim – Der U-Boot-Fahrer. Das Bernrieder Museum der Phantasie zeigt Kriegsfotografien von Lothar-Günther Buchheim (2010)

Der U-Boot-Fahrer
Das Bernrieder Museum der Phantasie zeigt Kriegsfotografien von Lothar-Günther Buchheim

Er war Künstler und Schriftsteller, Sammler und Verleger, Galerist und Museumsstifter. Lothar-Günther Buchheim (1918-2007): ein Tausendsassa, ein Energiebündel, ein Abenteurer. Und: ein Mann mit einer grenzenlosen Faszination für die Seefahrt und den U-Boot-Krieg. Im Herbst 1940 ging Buchheim  zur Marine. Als Kriegsberichterstatter sollte er die Ereignisse auf hoher See dokumentieren. Daraus wurde sein Lebensthema. Buchheim hat seine U-Boot-Erfahrungen gezeichnet und aquarelliert. Er hat sie festgehalten in einem Reportage-Band („Jäger im Weltmeer“), einem Dokumentarfilm („Zu Tode gesiegt“) und einer wuchernden Roman-Trilogie („Das Boot“, „Die Festung“, „Der Abschied“). Darüber hinaus findet man zahlreiche Fotobände von ihm, die Titel tragen wie „U-Boot-Krieg“ oder „Die U-Boot-Fahrer“. Nur eines gab es bisher noch nicht: eine Ausstellung seiner Fotografien, die während des Zweiten Weltkriegs entstanden.

Nach dem Krieg blieben sie jahrzehntelang unentwickelt in einer Kiste gelagert. Erst Anfang der siebziger Jahre erstellte Buchheim Abzüge davon. Rund 5000 Stück lagern in der Sammlung Buchheim. Gut 250 davon werden nun in Bernried am Starnberger See gezeigt, im Buchheim-Museum der Phantasie, diesem wilden Sammelsurium aus Bauernkunst, Briefbeschwerern und Bauchrednerpuppen, aus psychedelischer Posterkunst und exquisiten Expressionisten-Gemälden. Die Fotografien waren nicht Teil von Buchheims Auftrag als Kriegsberichterstatter. Sie entstanden privat. Und vermutlich liegt hier ein Grund, warum sie weniger Unbehagen auslösen, als man zunächst erwarten durfte.

Auch wenn der umtriebige Provokateur Buchheim auf anderen Gebieten ebenfalls umstritten war, so war es vor allem seine Tätigkeit als Kriegsmaler, die immer wieder Kontroversen entfachte. Das Chemnitzer Schlossbergmuseum beispielsweise sagte im Januar 2001 eine Ausstellung mit Kriegszeichnungen Buchheims kurzfristig ab. Die ARD hatte die Bilder zuvor als „kriegsverherrlichend“ bezeichnet. Während die offiziellen Zeichnungen und Aquarelle der Kriegspropaganda nicht zu offen widersprechen durften, nahm sich Buchheim in seinen privaten Fotografien mehr Freiheiten. Und das sieht man. Manche Fotos stellen unter den Vorzeichen der Nazi-Propaganda durchaus ein Wagnis dar. Sie entblößen den Krieg als Vernichtung von Mensch und Zivilisation. Ein ganz und gar unheroischer Blick. Man sieht die Bergung eines abgeschossenen Flugzeugs, den Abtransport eines toten Piloten, zerstörte Kathedralen und Bahnhöfe. Auffällig ist, dass diese Bilder meist an Land entstanden. Auf hoher See hätte Buchheim diese Motive nicht gefunden. „Der Seekrieg ist ein pervertierter Krieg. Er ist es auch deshalb, weil er ein ganz und gar ‚sauberer’ Krieg ist: keine im Stacheldraht hängenden Verwundeten, keine Trümmer und Ruinen, keine aufgedunsenen Leichen. Die Seeschlacht hinterlässt keine Spuren“, schrieb Buchheim einmal.

Ein weiterer Grund, warum den Fotos der Hautgout des Propagandistischen fehlt, hat mit dem Medium der Fotografie zu tun. Anders als die nachträglichen literarischen und künstlerischen Bearbeitungen hält die Kamera den Augenblick unmittelbar fest – der Eifer des Gefechts lässt sich weniger leicht überhöhen. Das wird besonders deutlich in einer Fotosequenz aus dem Inneren des U-Boots während eines Bombenangriffs. In den verwackelten Bildern wird die Wucht der Explosionen spürbar. Und man meint, ein unheldenhaftes Erzittern des Fotografen zu erkennen. Ja, man bekommt sogar den Eindruck, als wollte sich Buchheim hinter der Kamera verschanzen und die brutale Welt mit dem Apparat auf Abstand bringen. Nur der Kapitänleutnant sitzt stoisch da. Und grinst.

Darüber hinaus machen die Bilder unangenehm nachvollziehbar, in welch bizarre Erfahrung die U-Boot-Soldaten geschleudert wurden: Eingepfercht in die radikale Enge einer Metallmaschine bewegen sie sich verlassen durch die unendliche Weite des Meeres. Hier fallen Klaustrophobie und Agoraphobie in eins. Aus dem Blickwinkel unseres Silicium-Zeitalters betrachtet wirkt diese Schwermetall-Welt aus Torpedos, Schiffsschrauben, massiven Hebeln, Schaltern und Ketten weit entrückt. Wenn man Buchheims Bildern einen Vorwurf machen möchte, müsste man hier ansetzen: Das Metallharte verschmilzt bei ihm mit dem Soldatisch-Männlichen manchmal zu einem anrüchigen Amalgam. Seine Porträtfotos zeigen zehntagebärtige Männer mit Zigaretten im Mundwinkel und Falten auf der Stirn. Wilde Kerle. Vielleicht ein bisschen zu bewundernd dargestellt.

 

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