Julian
Hanich


Texte zum Kino

Vor die Hunde gegangen
Eine Installation von Francis Alÿs und Alejandro González Iñárritu in den Berliner Kunst-Werken

Monitore flimmern, Videobilder flackern. Ein undefinierbarer Lärm dröhnt durch die Halle. Und dann: Hunde! Auf einer Wandprojektion beißen sich zwei blutige Kampfbestien gegenseitig in die Gurgel. Auf einem Stapel von Bildschirmen laufen Szenen, in denen sich die Viecher gegenseitig anspringen und versuchen zu zerfleischen. Was alles nicht so wild wäre ─ sind ja nur Videobilder. Aber in einer Ecke sitzt ein Typ mit zwei Rottweilern an der Leine. Echte, große Rottweiler. Und das schlimmste: Es gibt noch einen dritten, der ohne Leine daneben kauert und sich, wie nicht anders zu erwarten, sofort aufrafft und mit starrem Blick auf einen zutrottet. Selten in einer Ausstellung gewesen, die soviel Angst macht!

Man wird also körperlich angegangen  – um nicht zu sagen: gepackt – von dieser Installation in den Kunst-Werken. Und das ist ja schon mal nicht das Schlechteste, was man über eine Ausstellung sagen kann. Doch die beiden Künstler wollen mehr. Francis Alÿs, in Belgien geboren und seit Mitte der 80er Jahre in Mexiko arbeitend, und der mexikanische Filmemacher Alejandro González Iñárritu haben sich zusammengetan und einen begehbaren „Essay“ aufgebaut, wie sie ihr Projekt nennen, in dessen Mittelpunkt Iñárritus Film „Amores Perros“ steht. „Amores Perros“, einer der bemerkenswertesten Filme des letzten Jahres, ist das komplexe Porträt einer Großstadt. In drei Episoden erzählt der Film von der Liebe, von Mexiko-City und ─ von Menschen mit ihren Hunden.

Die Ausstellung zeigt Film-Stills und Zeichnungen aus dem Story-Board. Es gibt ein Video, dass der neue Jungstar des mexikanischen Kinos Gael Garcia Bernal („Y Tu Mama Tambien“) aus seiner Schauspiel-Schule in London an seinen Regisseur Iñárritu geschickt hat. Man sieht Aufnahmen aus der Make-up-Abteilung. Und auf acht der über dreißig Monitore läuft immer wieder der zentrale Moment des Films: der Verkehrunfall. Er ist das Bindeglied, um den herum alle drei Filmepisoden gebaut sind, zu sehen von oben, von hinten, von der Straßenseite, aus dem Auto heraus…

Das klingt zunächst mal nach einer braven Begleitausstellung zum Film, nach einer Installation für „Amores Perros“-Aficionados oder einem museal veredelten „Making-of…“. Doch die Ausstellung will nichts weniger sein, als eine Metapher für die mexikanische Gesellschaft. Allerdings haben es uns die beiden Künstler nicht ganz leicht gemacht, das zu erkennen.

Alÿs und Iñárritu zeigen Stellproben, Voraufnahmen und Takes, die nie im Film verwendet wurden. Was wir sehen, sind also immer Momente vor dem endgültigen Film. Es sind Annäherungen auf dem Weg zur Perfektion. Dieses Unfertige und Noch-Nicht-Angekommene steht für die beiden Künstler als Metapher für Mexiko, wie sie uns im Begleittext nahe legen, für ein Land also, das noch lange nicht das Wohlstandsniveau der modernen Industrienationen erreicht hat. Das Problem dabei: Ein Bild, das sich in der Ausstellung viel stärker in den Vordergrund schiebt und die gewollte Assoziation völlig verdrängt, ist der Crash. Das immer wiederkehrende Aufeinanderprallen von entgegengesetzten Kräften. Der tödliche Zusammenstoß in der Endlosschleife. Wenn das aber der Zustand des Landes wäre: dann viel Spaß, meine lieben Mexikaner.

Das zweite Vorhaben der Künstler geht viel besser auf. Alÿs und Iñárritu weisen uns geschickt darauf hin, dass ein Film wie „Amores Perros“ immer deutlicher zum Abbild der Wirklichkeit wird, je mehr Manipulation er betriebt. Je mehr Make-up, Beleuchtung und Kostüme bei den Probeaufnahmen ins Spiel kommen, desto näher scheinen sich die Szenen auf den Monitoren an die raue, schmutzige Welt da draußen heranzuschleichen. Ein Paradox ─ vom Kino gerne genutzt.