Julian
Hanich


Texte zum Kino

Des Feindes Feind ist unser Freund
Aus dem Leben eines politischen Abenteurers: In Berlin wird die Biographie des indischen Unabhängigkeitshelden Subhas Chandra Bose verfilmt

Wenn man kurz hinter Berlin auf der B 273 nach Marquardt abbiegt, stößt man auf einer holprigen Kopfsteinpflaster-Allee direkt auf das Schloss dieser 980-Seelen-Gemeinde. Die sandigen Anfahrtswege sind an diesem heißen Juli-Tag mit Lastwagen vollgestellt. Vor dem Eingang hetzen Menschen umher, die Funkgeräte umgeschnallt haben und plötzlich „Ruhe!“ in die Mikrofone rufen: „Wir drehen!“ Schleicht man vorsichtig von der gleißenden Helle in die alten Räume des Schlosses, brauchen die Augen Zeit, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Überall liegen Kabel am Boden. Es riecht staubig. Im Raum regt sich kein Geräusch. Auf einem Klappstuhl sitzt der indische Regisseur Shyam Benegal und starrt auf einen Sony-Bildschirm. Dort sind Bilder zu sehen, die gerade in einem Nebenzimmer des Schlosses aufgenommen werden: Eine blonde Frau hält ihre Tochter im Arm und schluchzt. Soeben hat sie aus dem Radio vom Tod ihres Mannes erfahren: Subhas Chandra Bose sei am 18. August 1945 bei einem Flugzeugabsturz auf Taiwan ums Leben gekommen. Die Ehefrau heißt Emilie Schenkl (gespielt von der jungen Anna Prüstel). Das Kind ist die gemeinsame Tochter Anita. Szene 195. Eine der emotionalsten des Films. „Netaji ― The Last Hero“ wird dieser Film heißen. Ein Drei-Stunden-Epos über die letzten fünf Jahre des abenteuerlichen Lebens Subhas Chandra Boses. Gedreht in Kalkutta, Delhi, Usbekistan, Birma ― und Deutschland.

Es muss eine merkwürdige Begegnung gewesen sein an diesem 29. Mai 1942. Der Mann, den die Deutschen damals „Führer“ nannten, empfing in der Reichskanzlei einen Gast, der in Indien als Netaji bekannt war, der: „Führer“. Der Besucher ― ein Mann von 45 Jahren mit rundlichem Gesicht, Halbglatze und dicker Brille ― begrüßte den Deutschen als „alten Revolutionär“ und bedankte sich für die Ehre, empfangen worden zu sein. Nachdem er Hitlers langwierigen Ausführungen über die Lage der Welt gelauscht hatte, kam er zur Sache: Der Gast, Subhas Chandra Bose, forderte die Unterstützung der Deutschen gegen die Briten und hoffte auf eine Anerkennung der indischen Unabhängigkeit. Außerdem bat er Hitler die Äußerungen in „Mein Kampf“ gegenüber Indien klarzustellen; sie würden von England als Propaganda gegen Deutschland missbraucht. Als Bose schließlich aufbrach, wünschte ihm Hitler viel Erfolg bei seinen weiteren Plänen. Doch erreicht hatte er nichts.

Dabei war der seltsame Gast auf mysteriöse Weise und unter hohen Strapazen nach Deutschland gekommen. Im November 1940 war er aus dem Gefängnis in Kalkutta freigelassen worden, weil es die britischen Behörden nach einer Woche Hungerstreik mit der Angst zu tun bekamen. Bose wurde unter Hausarrest gestellt. Doch mit einem Trick gelang ihm die Flucht. Was nun begann, war eine veritable Reise um die Welt in nationalistischer Mission. Verkleidet als muslimischer Versicherungsvertreter, reiste Bose über Peshawar nach Kabul. Dort legte er sich eine neue Tarnung zu und gab vor, taubstumm zu sein. Mit Hilfe der italienischen Delegation kam er an einen neuen Pass. Sein Name war nun Orlando Mazzotta. Beruf: Diplomat. Von Kabul entkam er über Moskau nach Deutschland, wo er schnell aktiv zu werden begann.

Weil er dort aber ― außer ein paar Propagandasendungen in Richtung Indien, die ihm die Nazis ermöglicht hatten ― nicht viel erreichte, reiste er auf einem deutschen U-Boot von Kiel aus um das Kap der Guten Hoffnung in Richtung Japan. Die Übergabe an ein japanische Schiff fand vor Madagaskar statt. Der Seegang soll sehr rau gewesen sein. Als er in Japan anlangte, sammelte er die in Ostasien verstreuten indischen Exilanten und rekrutierte die „Indian National Army“. Mit ihr begann er die Briten von Norden aus zu attackieren… Diese abenteuerliche Geschichte könnte von einem Autor wie Eric Ambler stammen, der damals mit internationalen Politthrillern erfolgreich war. Doch sie ist alles andere als erfunden. Kaum zu glauben, dass sie noch nicht verfilmt worden ist. Bis jetzt.

Das Leben des Subhan Chandra Bose ist ein irrwitziges Kapitel aus jener Zeit, als sich auf dem Rücken des stolzen indischen Tigers noch der britische Löwe festgekrallt hatte. Der Tiger versuchte damals, den Löwen endlich abzuschütteln. Doch der Löwe drückte ihm dabei die Klauen nur noch fester ins Fell. Um loszukommen von der Herrschaft des Raj (so wurde der britische Löwe damals in Indien genannt), war dem springenden Tiger vieles recht. Vielleicht sogar ein Pakt mit dem Teufel. Deshalb hatte sich Bose, der Teufelskerl, aufgemacht zum Leibhaftigen Adolf Hitler. Sein Argument war, dass „der Feind unseres Feindes unser Freund“ sei.

Bose war ein Gegenspieler Gandhis im Kampf um die Unabhängigkeit Indiens. Auf der einen Seite stand der Mahatma, der den zivilen Ungehorsam predigte. Auf der anderen Seite agierte der Netaji, der die Briten mit Gewalt aus dem Land treiben wollte. Wenn man historisch vereinfach wollte, könnte man eine Parallele ziehen zur Beziehung zwischen Martin Luther King und Malcolm X. Und ähnlich wie Malcolm X ist auch der nationalistische Charismatiker Subhas Chandra Bose noch immer ein Held in seiner Heimat. Dazu gibt es zwei Anekdoten aus dem Leben von Boses Tochter: Als Anita Pfaff, wie sie heute heißt, vor zwei Jahren das letzte Mal in Indien war, warf sich ein Straßenhändler vor ihr, der Tochter des Netaji, in den Staub. „Er war emotional total ergriffen“, erzählt Anita Pfaff. Ein andermal trat ein indischer Diplomat der Weltbank an sie heran, um sie für die indische Politik zu gewinnen. Anders als die Italienerin Sonia Gandhi folgte Pfaff der indischen Sehnsucht nach berühmten Namen aus der Geschichte nicht ― sie blieb Wirtschaftsprofessorin in Augsburg.

Die Beziehung von Bose zum Deutschen Reich ist ein kurioses Kapitel deutsch-indischer Geschichte ― das bei diesen Dreharbeiten unter anderen Vorzeichen fortgeschrieben wird. Man muss sich das vorstellen: Eine indische Filmcrew kommt nach Deutschland, um in Zehlendorf, Berlin-Mitte, Marquardt, Krampnitz und in der Nähe von Kiel Teile der Geschichte ihres Nationalhelden zu verfilmen! Dabei wurden für die Rollen der Exil-Inder in Deutschland deutsche Exil-Inder angeheuert. Und am Set wird auf Englisch, Hindi und Deutsch kommuniziert. Ein polyphoner Dialog der Kulturen. Dazu passt eine interessante Szene des Films: Darin erklärt Emilie Schenkl ihrem Mann, dass sie für die gemeinsame Tochter die Vornamen Maya, Rita und Anita erwogen habe ― diese Namen seien sowohl indisch als auch deutsch. Und ist nicht auch der Nachname in beiden Ländern verbreitet? Im Berliner Telefonbuch folgt Indrani auf Heinz Bose.

Darüber hinaus finden die Dreharbeiten zu einem Zeitpunkt statt, als das indische Kino in Deutschland ― Jahrzehnte nachdem Satyajit Ray zu einem Helden der Cineasten wurde ― plötzlich wieder ein Publikum hat. Doch anders als in den 60er und 70er Jahren sind es diesmal nicht die realistischen Sozialdramen des Neuen Indischen Kinos, sondern ausgerechnet so knallbunte, quietschfidele Bollywood-Melodramen wie „Monsoon Wedding“ oder „Sometimes Happy, Sometimes Sad“. Neben dem Interesse an indischer Hochkultur (Salman Rushdie und Arundhati Roy), erwacht gerade eine Neugier auf populäre Formen. Im Berliner Arsenal-Kino läuft noch den ganzen August hindurch eine Reihe mit neuen indischen Filmen. Und die Berliner Filmemacherin und Autorin Merle Kröger hat unter dem Titel „Cut!“ gerade einen Kriminalroman veröffentlicht, dessen Struktur den Bollywood-Filmen folgt. Darin geht es unter anderem um die „Indische Legion“, eine Militäreinheit indischer Kriegsgefangener, die in der Normandie für die Nazis gegen Großbritannien kämpfen sollte ― zusammengestellt von Subhas Chandra Bose!

 Nachdem Szene 195 abgedreht ist, setzt sich Regisseur Shyam Benegal im Garten des Marquardter Schlosses an einen schattigen Biergarten-Tisch und erzählt von seinem Film. Der Mann mit dem weißen Bart und dem Schlapphut ist fast 70 Jahre alt. Dennoch scheint er der richtige Mann am richtigen Ort zu sein. Ende der achtziger Jahre hat er bereits für das indische Fernsehen in 53 Folgen Nehrus Geschichtsbuch „The Discovery of India“ verfilmt. Und in einem Dokumentarfilm beschäftigte er sich mit Gandhis Zeit in Südafrika. Darüber hinaus ist Benegal der kommerziell erfolgreichste Regisseur des Neuen Indischen Kinos. In seinen Filmen versucht er, die beiden Hauptstränge des indischen Kinos zu einem middle cinema zusammen zu ziehen ― eine Mischung aus sozialem Realismus und Bollywood-Melodram. Er wolle in seinem Film einen anderen Blick auf die Geschichte werfen, erklärt Benegal. „Die britischen Historiker haben Bose ziemlich schlecht behandelt. Sie sehen ihn als einen Verräter, der mit den Faschisten kollaborierte.“ Benegals Sicht ist eine andere: „Bose war ein Anti-Kolonialist, dessen Engagement unbestechlich war. Und: Er war ein großer Romantiker.“ Das sollte reichen für einen Film. Ein Blick in das Drehbuch zeigt, dass es dabei nicht ohne Pathos zugehen wird: Am Ende wird die „Indian National Army“ jubeln. Und die indische Trikolore wird flattern im Wind.