Julian
Hanich


Texte zum Kino

Wanderer, kommst du nach Lhasa
Ab in den Süden: „The Way Back“ von Peter Weir

Hier lebend rauszukommen, scheint unmöglich. Das eisenharte Arbeitslager 105 ist stacheldrahtumzäunt. Es wird rund um die Uhr von Patrouillen bewacht. Und es liegt tief in den kalten Wäldern Sibiriens, mitten im endlosen Riesenreich des Schlächters Stalin. Als nistete es im Innersten einer teuflischen Babuschka-Puppe, die ein Übel im nächsten verbirgt, raubt das Lager den Insassen jede Hoffnung auf Freiheit. Darauf vertrauen jedenfalls die sowjetischen Wächter. Doch nicht alle Polen, Jugoslawen und Letten, nicht alle Russen und Amerikaner, die hier gefangen gehalten werden, sind dieser Meinung. Janusz (Jim Sturgess), zum Beispiel, der polnische Häftling, der von seiner gefolterten Frau ans Messer geliefert wurde. Oder Mr. Smith (Ed Harris), ein enigmatischer Amerikaner, der während der Großen Depression hoffnungsfroh in die UdSSR kam und dann im Lager endete. Auch der russische Verbrecher Valka (Colin Farrell) spürt den Drang nach Freiheit. Sieben Mann sind es insgesamt – sieben glorreiche Freiheits-Kämpfer.

Schon der Titel verrät es: Dieser Film handelt von einer Rückkehr, einem langen Marsch nach Hause, einer zähen Wegstrecke zurück an den Anfang vor der Schuld. Mit „The Way Back“ erzählt der Australier Peter Weir eine dieser Leidens- und Überlebensgeschichten, in denen die Welt zum Gegner des Willens und die Freiheit zum ständigen Begleiter der Vorstellung wird. Man fühlt sich an Danny Boyles „127 Hours“ erinnert und mehr noch an den deutschen Fernseh-Gassenhauer der späten fünfziger Jahre „So weit die Füße tragen“. Das ist an einigen Stellen durchaus mitreißend inszeniert. Von „Picnic at Hanging Rock“ (1975) bis „Master and Commander“ (2003) hat Weir schon mehrfach bewiesen, dass er mit weiten Naturräumen und Landschaften umzugehen weiß. Er zeigt uns Kälte, Schmutz und Leid. Er führt uns hinein in die endlosen Weiten der Mongolei, die Gluthitze der Wüste Gobi und die eisigen Höhen des Himalayas bis hinauf nach Lhasa. Er konfrontiert uns am laufenden Band mit existenziellen Situationen und wirft seine Protagonisten auf eine Art vorzivilisatorischen Urzustand zurück. Mal stürzen sie sich, halb verhungert, über die blutige Beute von Wölfen. Mal frohlocken sie, halb verdorrt, über eine Wasserpfütze in der Wüste.

Und doch ist „The Way Back“ vor allem ein erbaulicher Inspirationsfilm: Versuch es! Du packst es schon! Es geht alles, wenn Du nur willst! Dass dabei christliche Untertöne nicht zu überhören sind, muss kein Widerspruch sein: Wieder einmal treffen in einem Hollywoodfilm calvinistisch-innerweltliche Askese und Franklin’scher Erfolgsmythos aufeinander. Anders als sein Landsmann Philip Noyce, der in „Long Walk Home“ (2003) eine sehr ähnliche Geschichte erzählt hat, geht Weir dabei den historisch-ideologischen Hintergründen des Lagers aus dem Weg – auch wenn er seinem Film im Epilog einen politischen Anstrich zu geben versucht. Stattdessen sehen wir vertraute Hollywood-Schauspielergesichter, die Elend mimen und denen die Härten des Lebens ins Antlitz geschminkt wurden, vor grandiosen Panoramen mit den Tücken der Natur ringen. Weil man als Zuschauer schon am Anfang über den Ausgang der Geschichte informiert wird, verwandelt sich die Fluchtgeschichte schnell in ein Motivationsvideo für Leistungsfanatiker. So bizarr das im Zusammenhang mit Gulag-Insassen klingen mag: Bei Peter Weir verströmen politische Flüchtlinge das Trainingsethos von Triathleten und Extrembergsteigern. Das ist hart – aber letztlich viel zu herzlich.