Julian
Hanich


Texte zum Kino

Die Leiden des jungen A.
“Falscher Bekenner” von Christoph Hochhäusler (2005)

Als Armin eines Tages den Rollstuhl eines Jungen aus der Nachbarschaft zerstört, tadelt ihn seine Mutter: „Sei froh, dass Du nicht verkrüppelt bist.“ Daraufhin antwortet Armin: „Bin ich doch.“ Armin – hübsch, blond, wohlbehütet und aufgewachsen in einem gutsituierten Haushalt – ist der jüngste Spross der niederrheinischen Familie Steeb. Das Umfeld stimmt. Die Eltern (Manfred Zapatka, Victoria Trauttmansdorff) sind bemüht, um nicht zu sagen: beflissen. So einem kann es doch gar nicht schlecht gehen. Denkt man. Und dennoch: Wenn Armin bei einem seiner unzähligen Bewerbungsgespräche Gefühle und spontane Regungen zeigen soll, versagt er. Vagabundiert er durch das Reich des Tagtraums, landet er in erotischen Grenzbereichen. Dann phantasiert er sich in Szenen mit dunklen Motorradfahrern hinein, wo er für sexuelle Akte devot auf die Knie geht. Und wenn er nachts bleich durch die Un-Orte der rheinischen Provinz irgendwo zwischen Krefeld, Düsseldorf und Mönchengladbach streunt, wähnt man ein Geisterwesen vor sich. Er schlendert Autobahnausfahrten entlang und treibt sich in Raststättentoiletten herum, wo er Graffiti an die Kacheln schmiert. Der Unsichtbare versucht, Spuren zu hinterlassen. Und genau darum geht es dem Film: Wie man sichtbar wird unter all den anderen Gespensterexistenzen des modernen Alltags.

Die Augenlider Constantin von Jascheroffs, der Armin mit der wohltuenden Frische des Newcomers spielt, hängen immer leicht auf Halbmast, als wollte er klarmachen: So träge kann eine spätpubertäre Existenz in der Deutschlands Wohlstandsgesellschaft sein. Armins langsames Leben hat keinen Schwung; lethargisch fließt der breite Strom des suburbanen Alltags dahin. Er ist ein Bruder im Geiste von Michael Hanekes Benny und ein Verwandter all der jugendlichen Antihelden von Salingers „Fänger im Roggen“ bis Plenzdorfs „jungem W.“. Während in Armins Familie alle den geraden Weg des Erfolgs gehen, schlägt der Graph seines Lebenslaufs in die falsche Richtung aus. Mit seinem mauen Realschul-Abschluss kommt er bei Jobgesprächen nicht voran. Irgendwann beginnt er Bekennerbriefe zu schreiben für Verbrechen, die er nie begangen hat. Die Polizei horcht auf. Die Boulevard-Medien titeln: „Der Terror ist da!“ Sogar beim Sonntagnachmittagskaffee beginnt das Getuschel. Früher hätte man gesagt, Armin sei „entfremdet“.

Christoph Hochäuslers „Falscher Bekenner“, im vergangenen Jahr in Cannes gezeigt und nach „Milchwald“ sein zweiter Spielfilm, würde herausragen alleine wegen seines genauen Blicks auf die westdeutsche Gutbürgerlichkeit – vom sonntäglichen Essen mit Freunden bis zum Verdauungsspaziergang am Nachmittag. Auf einer hochauflösenden Videokamera im breiten Cinemascope-Format gedreht, ist der Film aber noch viel mehr: das unspektakuläre und dennoch gestochen scharfe Portrait eines jugendlichen Außenseiters. Dieser Armin Steeb merkt, dass man im Kampf um Anerkennung in einer egalitären und zugleich hoch individualisierten Gesellschaft manchmal zu verschärften Mitteln greifen muss. Und mehr als Anerkennung – in welcher Form auch immer – scheint Armin gar nicht zu wollen. Ein jugendlicher Rebell, ein Stürmer-und-Dränger, ein Umstürzler mit utopischen Ideen ist er jedenfalls nicht. Dafür entspringt er der falschen Epoche – einer Epoche, die sich mit den ethischen Idealen des guten und wahren Lebens nicht aufhalten mag. Am Ende des Films, wenn Armin aus seiner Reihenhaus-Unsichtbarkeit ans Tageslicht tritt, zeigt sich endlich ein zufriedenes Lächeln in seinem Gesicht. Was er erreicht hat, würde einem Revoluzzer niemals genügen.