Julian
Hanich


Texte zum Kino

„Day Night Day Night“ von Julia Loktev (2006)

Bis zum Ende erfahren wir keinen Namen. Obwohl die junge Frau von Anfang an im Bild ist, fast in jeder Einstellung, beinahe 90 Minuten über, bleibt sie anonym. Auch über ihre Vergangenheit dringt bis zum Schluss kaum etwas durch. Sie hat einen Bruder. Ihre Eltern sind angeblich tot. Sie kommt von der Westküste. Ihr Amerikanisch ist ohne Akzent. Ansonsten? Nichts. Nichts über ihre soziale Herkunft. Nichts über ihre psychologischen Hintergründe. Nichts über ihre Religion. Und auch über ihre ethnische Zugehörigkeit werden wir absichtlich im Dunkeln gelassen. Osteuropäisch, maghrebinisch, jüdisch oder aus dem Nahen Osten? Die Frage bleibt auch nach eineinhalb Stunden angespannten Studiums ihrer Physiognomie ohne Antwort. Nur eine Tatsache gibt es, die wir mit Gewissheit irgendwann festhalten können. Sie gibt dem Film seinen Zielpunkt vor und verleiht ihm seine beklemmende Brisanz: Dieses knapp zwanzig Jahre alte Mädchen hat den Plan gefasst, sich in die Luft zu sprengen und dabei möglichst viele Menschen mit in den Tod zu reißen.

Es beginnt mit Gemurmel. Die zarte, zerbrechliche Frau spricht mit sich selbst. Leise zählt sie Arten des Sterbens auf. Dann wendet sie sich an ein imaginäres Gegenüber, das sie bald im Jenseits zu treffen hofft. Wer ist gemeint? Ein Verstorbener? Ein muslimischer, jüdischer oder christlicher Gott? Die Frau fängt an, durch eine Flughafenhalle zu gehen. Die Kamera bleibt ihr dabei dicht auf den Fersen. Dann dreht sich die Namenlose um und schaut in die Kamera, zu uns, mit warnendem Blick, als wollte sie sagen: Halt, Zuschauer, komm mir nicht zu nahe, bleib auf Distanz! Kaum ein Zuschauer wird sich so früh im Film um diesen selbstbezüglichen Verfremdungseffekt scheren. Aber das könnte sich noch als Fehler erweisen.

Ein Mann holt das Mädchen am Flughafen ab und bringt sie in ein graues Motel-Zimmer irgendwo in New Jersey. Sie steigt in die Badewanne, seift sich ein, wäscht sich gründlich und rasiert sich die Achseln. Manchmal bekommt sie Anrufe mit Befehlen; die sie konsequent mit „Okay, thank you“ quittiert. Gnadenlos geduldig ist die Kamera immer dabei. Leicht überbelichtet und entfärbt verfolgt sie die Handlungen und zerlegt sie in beengte Nahaufnahmen. Analytisch wird getrennt, was der Zuschauer dann wie Scherbenstücke aufklauben und wieder zusammensetzen muss. Diese ästhetische Strategie dominiert bis zum Ende dieser zwei Tage und zwei Nächte erzählter Zeit: fragmentarisch, minimalistisch und von einem faszinierenden Sog.

Die russisch-amerikanische Medienkünstlerin Julia Loktev – im Kino bisher erst einmal durch den Dokumentarfilm „Moment of Impact“ (1998) aufgefallen – interessiert sich nicht für das Warum. Wer etwas über die Motive von Selbstmordattentätern erfahren will, muss Joseph Croitoru oder Hans Magnus Enzensberger lesen oder sich Hany Abu-Assads „Paradise Now“ ansehen. Loktev versucht in ihrem Film „Day Night Day Night“ alles Politische außen vor zu lassen. Ja, es wirkt beinahe ironisch-verächtlich, wie sie die immergleiche Ikonographie aller selbsternannten Revolutionäre ins Bild rückt: In einer Szene wird die namenlose Frau von ihren maskierten Instrukteuren dazu gezwungen, im übergroßen Militärparka vor einer Kamera Platz zu nehmen, der Munitionsgürtel umgehängt, die Kalaschnikow in der Hand, im Hintergrund ein Plakat mit einer geballten Faust. So sieht er aus, der Kitsch der Ideologen.

Doch um was geht es Loktev? Statt Motive und Erklärungen zu bieten, nützt sie die Selbstmordattentäter-Thematik für ein beängstigendes Spiel mit der einfühlenden Verwicklung des Zuschauers, darin Hanekes „Funny Games“ nicht unähnlich. Denn wenn die Namenlose im letzten Teil des Films an ihrem Zielpunkt ankommt und durch die hektischen Straßen New Yorks irrt, um die mörderische Tat zu vollziehen, ist man längst in die Identifikationsfalle getappt. Obwohl anfangs durch den warnenden Blick zur Distanznahme aufgefordert, bangt der Zuschauer letztlich doch mit der Attentäterin – vielleicht wünscht er ihr sogar den Erfolg. Schuld daran ist nicht zuletzt die außergewöhnliche Hauptdarstellerin: Schon lange hat man im Kino niemanden mehr so glaubhaft Angst verkörpern sehen wie die junge, noch unbekannte Luisa Williams. Sympathy with the devil? Grausam spät wird einem die eigene Manipulierbarkeit bewusst.