Julian
Hanich


Texte zum Kino

“The Conspirator” von Robert Redford (2010)

Washington, D.C. im Jahre 1865: Ein Anschlag erschüttert Amerika. Präsident Abraham Lincoln, dessen Unionisten gerade den Sezessionskrieg gegen die Südstaaten gewonnen haben, wird in einem Theater von hinten erschossen. Sein Außenminister entgeht einem Attentat schwer verletzt. Die Verschwörung stürzt die Hauptstadt in tiefe Unruhe. Doch unter der harten Hand von Kriegsminister Edwin Stanton (Kevin Kline) schlägt der Staat zurück: Lincolns Mörder John Wilkes Booth wird niedergestreckt; der Großteil der Konspiratoren ist schnell vor Gericht gebracht. Unter ihnen: die Mutter eines Verschwörers, Mary Surratt (Robin Wright), die stets ihre Unschuld beteuert. Als ihr Pflichtverteidiger darf sich der junge Frederick Aiken (James McAvoy) versuchen, ein unerfahrener, idealistischer und zusehends kämpferischer Anwalt und Held des Bürgerkriegs. Doch das Spiel scheint abgekartet. Kriegsminister Stanton, ein fieser Machtpolitiker, der mit seiner Brille nicht ohne Grund an Donald Rumsfeld erinnert, will Ruhe im Land. Ein Militärgericht soll die Sache schnell zu Ende bringen.

Natürlich funktioniert der Film zunächst einmal wie eine Geschichtsstunde. Der Regisseur Robert Redford erzählt eine selten thematisierte Facette des Lincoln-Attentats in einer pädagogisch freundlichen 120-Minuten-Bebilderung nach. Das ist lehrreich und schadet nie: Wer im Kino etwas gelernt hat, verlässt es zumindest nicht als schlechterer Mensch. Doch eigentlich will Redford, der liberale Aufklärer, auf etwas anderes hinaus. „Die Lincoln-Verschwörung“ dient ihm als kritische Parabel, die uns im historischen Gewand etwas über die Bush-Cheney-Rumsfeld-Politik nach dem 11. September 2001 verdeutlichen soll (siehe Interview). Hier wie dort ging es um das Aushebeln von Gesetzen im Dienste der Macht: Gefügige Militärtribunale ersetzten Zivilgerichte und das Prinzip „Im Zweifel für den Angeklagten“ galt nicht mehr.

Fast 100 Jahre nachdem D.W. Griffith das Lincoln-Attentat ins Zentrum seines rassistischen Klassikers „The Birth of a Nation“ gestellt hat, nutzt Redford die Ermordung des 16. Präsidenten für ein aufrüttelndes Plädoyer: Die Nation soll sich ihrer Rechtstaatlichkeit wieder bewusst werden, für die der Sklavenbefreier Lincoln wie kaum ein zweiter stand! Als handelte es sich um ein Melodram, versucht Redfords Gerichtsfilm, höchste moralische Eindeutigkeit herzustellen. Auch das mag volksaufklärerisch sinnvoll sein in einem Land, das mit Rick Perry oder Michele Bachmann derzeit wieder Ideologen von ganz anderer Eindeutigkeit auf den Schild zu heben droht. Was dabei verloren geht, sind Subtilität und Dialektik.

Dazu kommt ein ästhetischer Makel, der einem den Film mit zunehmender Dauer verleidet: Redfords Hang zum schwülstigen Bild. Mit seinem Kameramann Newton Thomas Sigel hat er sich in der Geschichte der Malerei umgesehen. Dabei sind sie auf da Vincis Sfumato und das Chiaroscuro von Rembrandt und Caravaggio gestoßen. Deshalb liegt über vielen Bildern ein sanfter Lichtschleier, der die Figuren beinahe religiös überhöht. Deshalb gibt es Helldunkel-Effekte wie in der christlichen Malerei. Und deshalb ist „Die Lincoln-Verschwörung“ zwar ein sehr rechtschaffener, aber auch sehr kunstgewerblich aufgehübschter Historienfilm geworden.