Julian
Hanich


Texte zum Kino

„Garden State“ von Zach Braff (2004)

In den USA trägt jeder Bundesstaat einen Kosenamen. Kalifornien ist der „Golden State“. Texas nennt sich „Lone Star State“. Und New York hat sich den zweifelhaften Titel „Empire State“ verliehen. Westlich von New York, auf der anderen Seite des Hudson Rivers, liegt New Jersey, der Staat mit dem schönen Namen „Garden State“. In dieser Bezeichnung schwingt die grüne Landschaft mit, die sich zwischen Newark und Princeton auftut. Aber es klingt auch die Verheißung eines neuen Garten Edens an – schließlich sind wir im optimistischen und gottesgläubigen Amerika. Wer die Romane von Philip Roth kennt (insbesondere „Amerikanisches Idyll“) und schon mal einen Film von Todd Solondz gesehen hat (vor allem „Happiness“), der weiß, dass man sich in New Jersey noch so nach idyllischem Glück sehnen und doch ziemlich weit jenseits von Eden leben kann. In dieser Hinsicht macht auch Zach Braffs ergreifender Film „Garden State“ keine Ausnahme. Zunächst jedenfalls.

Die Hauptfigur Andrew Largeman, gespielt vom Regisseur selbst, geht durchs Leben wie ein wandelnder Gully: Welche Sinneseindrücke die Welt auch anschwemmt, sie versickern in ihm. Andrew lebt in einer Wattewelt gefangen, festgehalten durch Beruhigungsmedikamente, die ihm sein Psychologe verschrieben hat, der nicht ganz zufällig auch sein Vater (Ian Holm) ist. Und als wäre das nicht genug, arbeitet er als Soap-Opera-Darsteller auch noch für jene Illusionsfabrik, die manche als Opium fürs Volk bezeichnen. Nach neun Jahren in Kalifornien, wohin er einst entkommen war, macht er sich nolens volens für ein paar Tage in seine Heimat New Jersey auf. Dort wartet nicht nur das Begräbnis seiner Mutter auf ihn, sondern auch sein lebendiger Vater – was möglicherweise das größere der beiden Übel ist. Von seiner narkotisierten Hollywood-Welt führt ihn sein Weg also direkt hinein in eine dieser auseinander brechenden jüdischen Familien, die auch bei Roth und Solondz im Mittelpunkt stehen. Nicht direkt der Pfad eines glorreichen Helden.

Doch der amerikanische Independent-Film liebt bekanntlich die Sonderlinge, denen die Wege zum Ruhm zu befahren sind und deren way of life sich deswegen auf den verlassenen Seitenstraßen abspielt. Manchmal paart sich diese Neigung zum Schrägen mit Witz und visuellem Einfallsreichtum (der in seiner Verspieltheit ans Niedliche grenzen kann). Dabei entstehen dann Filme wie Wes Andersons „Rushmore“, „Igby“ von Burt Steers oder eben „Garden State“. Bei Zach Braffs Film kommt hinzu, dass er wie schon „Laurel Canyon“ und „Moonlight Mile“ einem Klassiker die Ehre erweist, dessen Bedeutung unerwartet weit über die sechziger Jahre hinausreicht: Mike Nichols’ „Die Reifeprüfung“. Damals, im Jahr 1967, war Dustin Hoffmans entfremdeter College-Absolvent Benjamin Braddock ins Haus seiner Eltern zurückgekehrt, wo er von der begehrlichen Mrs. Robinson aus seiner Lethargie aufgeschreckt wurde.

Wie für Benjamin stellt sich auch Andrews Heimkehr völlig unerwartet als eine Art Erweckungserlebnis heraus. Andrew entflieht langsam seiner Apathie und kommt erstaunt in einer Welt an, die einen besseren Eindruck hinterlässt als erwartet. Kein Wunder: Wem passiert es heutzutage schon, dass er in einer Arztpraxis wartend von einem Hund befallen, gegen das Bein gerammelt und dabei von einem Mädchen becirct wird, dass so bezaubernd wie Natalie Portman aussieht (und auch von ihr gespielt wird)? Gemeinsam verbringen die beiden einige merkwürdige Tage. Und wer als Zuschauer vorhat, dem beizuwohnen, sollte sich wappnen: Der Film entwickelt einen wirbelsturmartigen Sog hin zu jenem Gefühlszauber, der allem Verliebtseinsanfang innewohnt. Nach 109 Minuten tritt man benommen aus dem Kinosaal. In Amerika soll es vorgekommen sein, dass der ein oder andere dabei eine Zeile von „Simon and Garfunkel“ vor sich hin gesummt hat, die auf dem Soundtrack zu hören ist: „Hey, I’ve got nothing to do today but smile.“