Julian
Hanich


Texte zum Kino

„Gegenwart“ (2012) von Thomas Heise

Dasein schlägt Diesseits

Ein kurzer Film über das Ende: 65 lakonische Minuten lang beobachtet der Berliner Dokumentarfilmregisseur Thomas Heise die professionellen Arbeitsabläufe in einem Krematorium. Nüchtern fängt die Kamera ein, wie Mensch und Maschine präzise ineinandergreifen. Alle Mitarbeiter agieren mit teilnahmsloser Professionalität, jeder Handgriff sitzt. Einmal rückt Heise einen Zettel ins Bild, der dem Putzpersonal genau erklärt, wie mit den „Auslaufprodukten von Särgen“ umzugehen sei. An einem Ort wie diesem geht es nicht um Mitleid und Empathie – hier geht es um effiziente Abwicklung menschlicher Überreste. Der gewesene Mensch: ein Haufen Asche und sonst gar nichts. Auf dem Unterarm eines Krematoriumsmitarbeiters kann man eintätowiert den Refrain eines Songs des Rappers Nas lesen, der staubtrockener nicht sein könnte: „Life’s a bitch. And then you die.“

Das Krematorium ist ein farbloser Ort, von Kameramann Robert Nickolaus in neonlichtkalten Bildern festgehalten. „Gegenwart“ kommt ohne Kommentar aus, ja der Film bleibt trotz all der Menschen im Bild beinahe wortlos. Nur im Hintergrund surren unablässig die Maschinen. Doch man lasse sich nicht täuschen: Die klaren, kühlen Bilder sind nicht frei von stiller Polemik gegen die kalte Rationalität der Entsorgungsmaschinerie und das freudlose Geschäft mit dem Tod. Als wollte Heise sagen: Was einst als produktives Humankapital galt und nun als nutzloser Staub entsorgt wird, hält für die Betreiber des Krematoriums immer noch Ressourcen für Gewinne bereit.

Und mehr noch: Im Titel klingt eine weitere Spitze an. „Gegenwart“ – das heißt nämlich auch Angriff des Jetzt auf die übrige Zeit. Die Vergangenheit – in Form von Trauer und Erinnerung – spielt an diesem Ort keine Rolle. Und an eine Zukunft, an ein Weiterleben, gar an eine Auferstehung glaubt wohl keiner mehr. Damit wird das Krematorium zum einem Sinnbild transzendentaler Obdachlosigkeit: In unserer modernen Welt, so muss man Heises nüchternen und ernüchterten Kommentar verstehen, herrscht einzig das Hier und Jetzt. Eine solche Lesart legt vor allem die Rahmung des Films nahe. Die Szenen im Krematorium werden eingeklammert von Bildern, die mit dem Thema scheinbar nichts zu tun haben. Am Anfang zeigt uns Heise eine Schneelandschaft im Mondlicht: ein Hauch Romantik, unterlegt mit einem Wiegenlied von Johannes Brahms. Nachdem die Krematoriumsszenen dem Film diese Restromantik gründlich ausgetrieben haben, sieht man am Ende die Mitarbeiter beim Karneval, ihre Gesichter im Spaß verzerrt. Willkommen in der Welt des Hedonismus: Dasein schlägt Diesseits.