Julian
Hanich


Texte zum Kino

„The Look of Love“ (2013) von Michael Winterbotttom

Dieser barbusige Film ist wie ein Blitzlichtgewitter: Er lässt so viele Eindrücke auf den Zuschauer einprasseln, bis dieser sich die Hände vor die Augen halten oder gar wegsehen möchte. In „The Look of Love“ gibt es keinen Moment der Ruhe, keinen dramaturgischen Bogen, keine emotionale Entwicklung. Immer nur Impressionen, ständig nur Sensationen. Gut, einige der doppeldeutigen Anzüglichkeiten sind nicht frei von Witz, verlieren sich aber meist in der deutschen Untertitelung. Dabei hätte der Regisseur Michael Winterbottom mit der Geschichte des englischen Softporno-Verlegers, Nachtclub-Betreibers und Immobilien-Händlers Paul Raymond (1925-2008) dankbares Material an der Hand gehabt.

Paul Raymond – Autokennzeichen „PR“ – ist ein begnadeter Selbstvermarkter, der in jedes Mikrophon zu sagen pflegt: Mit 5 Schilling bin ich einst aus Liverpool nach London gekommen – und, seht her, was aus mir geworden ist? Raymond bringt es im Laufe der 60er, 70er und 80er Jahre mit viel hedonistischem Aktionismus nicht nur zum schmuddeligen „King of Soho“, er wird später sogar zu einem der reichsten Männer Großbritanniens. Glaubt man dem Film, kommen Raymond dabei vor allem seine guten Instinkten, eine Prise Charisma und erstaunlich viel Koks zugute. Doch die Drogen sind es letztlich auch, die zu seinem Niedergang beitragen. Denn seine geliebte Tochter Deborah, mit einnehmendem Charme dargestellt von Imogen Poots, wird an ihnen zugrunde gehen. Und damit auch Paul Raymond.

Der Komiker Steve Coogan spielt Raymond als Kauz mit angepapptem Bart und strohigem Haaraufsatz. In diesem seltsamen Detail drückt sich eine allgemeine Unentschiedenheit Winterbottoms aus: Einerseits hat seine Crew in viel Kleinarbeit das Bild der Zeit zu rekonstruieren versucht; andererseits konterkarieren groteske Perücken und erkennbar aufgeklebte Schambehaarung die Ernsthaftigkeit seines period piece. Letztlich weiß Winterbottom also nicht, welchen Ton er anschlagen soll. Sein Film taumelt und schlingert zwischen Komödie und Melodram, ohne irgendetwas davon zu sein: nicht zum Lachen, sondern lächerlich; weinerlich, aber nicht zum Weinen. Immerhin: Diese viertelerotische Biopic-Revue hatte Berlinale-Premiere im Friedrichstadt-Palast. Das passt.