Julian
Hanich


Texte zum Kino

“Blood Diamond” (2006) von Edward Zwick

Da ist zunächst einmal Danny Archer: ein skrupelloser Diamantenschmuggler, der sich einen Dreck drum schert, woher seine Edelsteine kommen. Wer rhetorische Behutsamkeit wünscht, ist bei diesem Ex-Söldner am falschen Mann: Er nennt sein Heimatland Simbabwe standhaft beim Kolonialnamen Rhodesien. Selbst bei Warlords, die sich als „Captain Rambo“ bezeichnen und Gangsta-Rap reinziehen, riskiert der Kerl eine große Lippe. Mit anderen Worten: ein mutiger Scheißkerl, von Leonardo DiCaprio mit einem Bogartschem Gemisch aus Zynismus und Lässigkeit gespielt. Oscar-nominiert.

Dann wäre da Solomon Vandy: ein armer Fischer, dessen Familie im Bürgerkrieg von Sierra Leone zersprengt wurde. Von Rebellen beinahe hingerichtet und dann zur Sklavenarbeit auf ein Diamantenfeld verschleppt, findet er einen rosa 100-Karat-Rohdiamanten – und vergräbt ihn. Der Schauspieler Djimon Hounsou: ebenfalls Oscar-nominiert. Zuletzt ist da noch Maddy Bowen (Jennifer Connelly), eine amerikanische Zeitschriftenjournalistin. Sie hat die Schnauze voll von Geschichten über afrikanische Opfer, die auf CNN irgendwo zwischen Sport und Wetter gequetscht werden. Sie will ihre Leser mit einer Reportage über die Hintergründe der Konfliktdiamanten wachrütteln – jene blutbesudelten Edelsteine, mit denen Waffen und Kriege finanziert werden. Archer braucht den Stein, um dem Chaos Afrikas zu entfliehen. Vandy sucht ihn, um seine Familie wieder zusammenzubringen. Bowen benötigt die beiden Männer, um ihre Geschichte mit Fakten belegen zu können. Drei Suchende mit drei Zielen: Die Jagd nach dem rosa Diamanten wird sie zum Trio mit vier Fäusten verschweißen.

Regisseur Edward Zwick zwingt dabei etwas schematisch, aber gekonnt Actionthriller und Melodram mit einer fiktiven Hintergrundreportage zu einem mahnendem Stück Infotainment zusammen. Über Kindersoldaten, die mit Heroin und einer vollen Ladung Indoktrination zu bedröhnten Kampfmaschinen herangezüchtet werden. Über die Verwicklung des Westens, der sich an der Ausbeutung von Land und Leuten mit blutigen Diamanten die Ringfinger schmutzig macht. Über weiße Südafrikaner, die aus den Kriegen der Schwarzen ihre Profite ziehen. Das alles vor dem Hintergrund eines Kontinents, den man als siebten Himmel bezeichnen könnte – würde man dort nicht knöcheltief in Blut und Schmutz versinken. Der Kameramann Eduardo Serra reißt das gesamte Panorama zwischen Paradies und Elend, zwischen Naturwundern und Flüchtlingsströmen auf. Und als Zuschauer sitzt man im Kinosessel: staunend, gefesselt – und zunächst irgendwie unwohl.

Denn: „Blood Diamond“ wirft unweigerlich die alte Frage auf, in welcher Form das Kino unser politisches und historisches Bewusstsein schärfen darf. Soll es in Form eines asketischen Claude-Lanzmann-Essays sein? Oder stellt die selbst-reflexive Godard-Collage das Ideal? Darf der Regisseur mit polemischer Agitation arbeiten wie Michael Moore? Oder zu mockumentary-Mitteln im Stile von „Borat“ greifen? Und wie sieht es mit der populärsten Variante aus: Darf man aufrüttelnde Botschaften womöglich gar mit narrativer Unterhaltung unters Volk bringen? Hollywood ist seit jeher von letzterem überzeugt. Und mit Namen wie King Vidor, Frank Capra oder John Ford und Filmen von D.W. Griffiths „A Corner in Wheat“ bis Spielbergs „Schindlers Liste“ hat es ein paar gute Argumente auf seiner Seite. Dennoch befällt einen auch bei „Blood Diamond“ das flaue Gefühl, das immer dann aufkommt, wenn kommerzielles Entertainment, Moral und das Leid der Unterdrückten und Beladenen zusammengeschnürt werden.

In diesem Fall kommt erschwerend hinzu, dass der Film den Bürgerkrieg vom Ende der 90er Jahre partout in voller Breitseite zur Schau stellen will. Im „Black Hawk Down“-Stil zieht er uns hinein in das ohrenbetäubende Chaos: in den Granathagel und das Maschinengewehrgewitter, immer die Gefahr der Panzerfaust im Nacken. Das ist packend inszeniert, aber reines Spektakelkino. Auch die unvermeidliche Romanze zwischen DiCaprio und Connelly ist vor allem eines: vermeidlich. Das Melodram fordert die Aufmerksamkeit über Gebühr. Passt da politische Aufklärung überhaupt noch rein? Erstaunlicherweise: ja. Der Film mag stilistisch weniger gewagt sein als „Der ewige Gärtner“. Und im Vergleich zu „Hotel Ruanda“ verlässt man das Kino geradezu beschwingt. Dennoch gelingt der Balance-Akt auf dem schmalen Grat des Betroffenheitsentertainments am Ende doch. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sich Edward Zwick, bekannt für patriotische und orientalistische Schinken wie „Glory“ und „Der letzte Samurai“, kritisch zeigt wie selten. Einmal sagt ein traumatisierter alter Mann: „Hoffen wir, dass sie hier kein Öl entdecken“. Hoffen wir mit ihm. Für Afrika.