Julian
Hanich


Texte zum Kino

“Germanikus” (2004) von Gerhard Polt und Hanns Christian Müller

„Ja mei, was soll man sagen, eine fiasköse Unternehmung gewissermaßen, net wahr?“ So hätte eine Gerhard-Polt-Figur vielleicht über diesen Gerhard-Polt-Film geurteilt. Polt, der grandiose bayerische Kabarettisten-Artist, Menschenmaterial-Analyst, Lebendige-Leichen-Sezierer, hat mit seinem Regisseur Hanns Christian Müller einen Film gedreht, der besser ungedreht geblieben wäre. Statt dessen gleicht „Germanikus“ jetzt einem Torso, einem antiken Scherbenhaufen oder einem in Stücke gerissenen Gladiator. Weil es Ärger mit dem Produzenten gab, wurde nachgedreht, nachgeschnitten, nachsynchronisiert ― auf bayerisch gesagt: vogelwild herumgewurschtelt. Zufrieden kann keiner sein. Der Film, von dessen Idee Polt schon im Januar 1997 geschwärmt hatte, lag zwei Jahre lang auf Halde. Dass der Verleih in Berlin keine Pressevorführung organisiert hat, kann man daher nur als verzweifelten Akt der Vertuschung verstehen.

Auch wenn die Qualität der Polt-Filme seit dem Gipfel „Kehraus“ (1983) über „Man spricht deutsh“ (1988) bis „Herr Ober!“ (1992) in tiefer Abfahrtshocke ins Tal hinabraste ― die Voraussetzungen waren so schlecht nicht. Hinter der Kamera nahm Fred Schuler Platz, der mit Martin Scorsese und Woody Allen gearbeitet hat. Mit Anke Engelke, Moritz Bleibtreu und Rufus Beck („Der bewegte Mann“) wurden ein paar zumindest nicht unamüsante Nebenfiguren engagiert. Und aus einigen Ideen hätte tatsächlich was werden können. Das sieht man an jenen Szenen, in denen das Potenzial zur Parabel aufblitzt ― Szenen, in denen die Konsum-Gesellschaft in die Antike verlegt wird oder der Ausländerstatus von Germanen im römischen Reich debattiert wird.

Doch die Geschichte vom ungeschlachten Hermann aus Sumpfing bei Ampfing, den es aus Germanien nach Rom verschlägt, wo er vom Sklaven zum Kaiser aufsteigt, versumpft. Man hätte ja vieles akzeptiert. Auch eine „Nackte Kanone“-artige „Gladiator“- und „Ben Hur“-Parodie. Statt dessen humpelt der Film wie eine steife Monty-Python-Imitation dahin, die am Krückstock des „Asterix“-Humors geht („Frau Lapsus“, „Herr Balsamico“). Man merkt dem Film ständig an, dass er nicht genügend Budget hatte. Die Kamera verharrt in kostensparenden Halbnahaufnahmen. Bei Massenszenen stehen maximal 15 Statisten herum. Die Nachsynchronisation ist unbefriedigend. Als lichteste Momente leuchten jene auf, in denen Polt seine alten Nummern zitiert. Ansonsten befindet sich das Witzniveau ungefähr auf Höhe der römischen Katakomben. Im Kalauerritt geht’s durch das wilde Klaumaukistan. Ulkig statt lustig. Comedyotisch statt satirisch. Die Gags sind so schlüpfrig wie bei der Vereinsfeier des Swinger-Clubs Passau-Nord („Nero est anus“ steht an einer Hausmauer geschmiert). Es wird gesoffen, gespuckt, gerülpst und gekotzt. Manchmal glaubt man deshalb auf den Gesichtern der italienischen Statisten ― der Film wurde in den römischen Cinecittá-Studios gedreht ― einen Ausdruck von tiefer Verwunderung zu erkennen: Die spinnen, die Deutschen!

In den USA hat es der Filmkritiker Roger Ebert zu nationaler Bekanntheit gebracht, indem er Filme durch die kaiserliche Arena-Geste bewertet: Wenn man aus dem Kopfschütteln, Haareraufen und Ans-Hirn-Lagen herauskäme, bliebe einem nichts anderes übrig, als für den todgeweihten Film „Germanikus“ beide Daumen zu senken.