Julian
Hanich


Texte zum Kino

“Ride with the Devil” (1999) von Ang Lee

Die USA wurden 1776 im Krieg geboren. Später mußte ein brutaler Bürgerkrieg verhindern, daß sich die Nation selbst in der Mitte auseinander riß. Und Triumph und Trauma der Amerikaner waren auch im 20. Jahrhundert immer eng an Sieg und Scheitern ihres Militärs gebunden. Im Selbstverständnis der USA besetzen Kriege eine stratetisch wichtige Position. Kaum verwunderlich, daß spätestens seit D. W. Griffiths „The Birth of a Nation“ (1915) der mythisch-industrielle Komplex Hollywood an der populären Erinnerungsfront um Darstellung und Deutung der Kriege kämpft. Heute sind es entweder Pathetiker wie Spielberg und Emmerich, die der patriotistischen Glorie schmeicheln. Oder Wüteriche wie Oliver Stone machen sich grob malträtierend über die Erinnerungswunden her.

Zwischen diesen lauten Marktschreiern sind ein paar Regisseure versteckt, die das Genre zu leiseren Analysen des Krieges nutzen. Zuletzt war das so bei „Der schmale Grat“, Terrence Malicks Schreckensballade über den 2. Weltkrieg. Jetzt untersucht Ang Lee in „Ride with the Devil“ den amerikanischen Bürgerkrieg (1861—1865), dieses Nord-Süd-Gemetzel, das mehr Amerikaner tötete als je ein Krieg zuvor und danach. Der Film beginnt mit einer Hochzeit, und am Ende wird wieder eine Vermählung stehen. Dazwischen hat sich eine Welt verändert und mit ihr der Protagonist Jake Roedel (Tobey Maguire). Eine symbolische Entwicklungsgeschichte also.

An der Grenze von Missouri und dem „blutenden Kansas“ stehen sich Nachbarn auf Farmen und Dorfstraßen in einem grausamen Guerillakrieg gegenüber. Die Gefechte finden an den ausgefransten Rändern des Krieges statt: fernab der eigentlichen Armee-Schlachtfelder und weit entfernt von der dicht besiedelten Ostküste. Lee zeigt den Bürgerkrieg aus ungewohnter Perspektive: Diese archaischen Guerillakämpfe sind ein oft vergessenes Kapitel des ersten modernen Krieges. Im Zentrum steht eine Gruppe von Bushwhackers, die sich —ohne Uniform, mit viel Brutalität — dem Süden zugeschlagen haben. Dazu gehören Roedel und sein Freund Jack Bull Chiles (Skeet Ulrich), die jugendlicher Idealismus in den Kampf drängt. Dazu gehört der von Sadismus getriebene Pitt Mackeson (Jonathan Rhys Meyers). Und paradoxerweise ist auch der ehemalige Sklave Daniel Holt (Jeffrey Wright) beteiligt.

Schon in der „Der Eissturm“ hat sich der Taiwanese Ang Lee Amerika etwas genauer als andere angeschaut. Und wenn nächste Woche „Crouching Tiger, Hidden Dragon“ in die Kinos kommt, wird sich zeigen, daß Lee einer der vielseitigsten Kinobeobachter unserer Zeit ist. In „Ride with the Devil“ träumt er sich keinen klischeegesüßten Candycolor-Süden zusammen, sondern erzählt in kalten Bildern die detaillierte Geschichte einer Zeit des Übergangs. Seine Südstaaten-Guerillas sind erzogen nach den verfeinerten Formen der Courtoisie und den Gesetzen der Sippenverbundenheit. Sie oszillieren zwischem Gewalt und Gastfreundschaft. Gleichzeitig sind sie langhaarige Analphabeten, für die Parfum ein unangenehmer Geruch ist. Lees Bushwhackers sind wohlerzogene Wilde der Vorindustrialität. Und ihre antiquierten Ehrenkodizes lassen selbst den einstigen Sklaven aus freundschaftlicher Ehrvepflichtung gegen die Befreier aus dem Norden kämpfen. Diese Kultur des Südens wird nach dem Krieg von den Yankee-Idealen verdrängt werden. Im Gegensatz zu „Vom Winde verweht“ (1939) geht es dabei nicht um den nostalgischen Untergang der Kultur des Alten Südens. Sondern im „Prozeß der Zivilisation“ (Norbert Elias) muß ein altes Kultursystem einem Ideal der Zukunft weichen: das Heraufdämmern von Bildung und Industrie, das Morgengrauen von Gleichheit und gleichzeitigem Individualismus. Und natürlich die Emanzipation der Schwarzen.

Am Ende bekommt Roedel seine langen Haare geschnitten und stellt fest, daß er dadurch viel jünger wirkt. Darin steckt nicht nur ein Symbol für die Zähmung der Rohlinge, sondern auch ein Zeichen der Verjüngung Amerikas durch den Sieg der Nordstaaten. Und wenn ihm die Ehe anfangs noch als Sklaverei gilt, so wird Roedel am Schluß verheiratet und domestiziert in Richtung Kalifornien und eine bessere Zukunft aufbrechen. Das mag für jemanden wie Ang Lee eine Spur zu amerikanisch wirken. Aber in diesem Ende steckt auch eine Antwort auf Griffiths rassistischem Film, in dem der Ku-Klux-Klan die Zukunft der USA sichert. Bei Ang Lee hingegen erfolgt die Neugeburt der Nation aus dem Geist der Familie.