Julian
Hanich


Texte zum Kino

“Lautlos” (2004) von Mennan Yapo

In der allerersten Einstellung dieses Films blickt die Kamera durch das Zielfernrohr eines Gewehrs. Dieser Blick, der in den folgenden neunzig Minuten mehrfach wiederkehrt, stellt ein zentrales Sinnbild dar: Das Fernrohr holt heran, was fremd ist ― aber es belässt den Späher auf Distanz. Nähe bleibt visuelle Illusion. Mit dieser prägnanten Metapher der Entfremdung gibt der Film vom ersten Moment an zu verstehen, dass man ihn nicht als selbstgenügsamen Genrefilm unterschätzen darf. „Lautlos“ funktioniert als hochspannender und hochstilisierter Thriller. Doch darüber hinaus ist der Film auch beispielhaft für ein Genrekino, das sich trotz offensichtlicher Vorbilder nicht einigelt in einer Welt der Kino-Referenzen. Er reicht klug über sich selbst hinaus.

Schauplatz ist in eine unbekannte Großstadt. Von ihr bekommt der Zuschauer nicht viel mehr als ein paar Panoramablicke über triste Wohnblocks zu sehen. Die Stadt bleibt so fremd wie die Namenlosen, die sich in ihren Häuserzellen verkrochen haben. Dass dieser Eindruck gewollt ist, erkennt man am Autokennzeichen „T“, das auf einen nicht existenten Ort verweist. Die Stimmen der Großstadtbewohner klingen gedämpft. Ihre unmodulierten Sätze wirken hohl, als sprächen Aufziehpuppen.

In einem der Wohnblocks, tief drunten unter der Tiefgarage, hat der einsame Auftragskiller Viktor sein Domizil. In einem anderen Megablock arbeitet sein Kontrahent, der Kommissar (Christian Berkel). Beide spielen jenes Spiel, das seit Edgar Allan Poes Meisterdetektiv Dupin eine Tugend jedes Verfolgers ist: die intellektuelle Identifikation mit dem Gegner. Doch beide gehen noch einen Schritt weiter: Sie versuchen, in die Identitätshülle des Gegners hineinzuschlüpfen ― weil für diese beiden emotionalen Eremiten nur so Nähe überhaupt vorstellbar wird. Der Kommissar schläft am Tatort. Er seziert, mit dem Gesicht ganz nah am Video-Bildschirm, die Bewegungen des Mörders. Der Killer Viktor macht das gleiche mit seinen Opfern. Wochenlang studiert er ihre Gewohnheiten, teilt mit ihnen den Alltag. Er wertet sogar den Abfalleimer des Opfers aus, um sich mit Hilfe einer Hermeneutik des Mülls dessen Leben zusammenzusetzen. „Am Ende kannte er sein Opfer so gut wie einen alten Freund“, sagt der Kommissar einmal. Doch diesen alten Freund, und das ist das Tragische des Einzelgängers Viktor, kennt er immer nur aus der Distanz des Fernrohrs ― bis er zur Tat schreitet und ihn aus nächster Nähe erschießt.

Joachim Król passt diesen Viktor ein in seine Rollengalerie der traurigen Gestalten. Doch körperlich ist er ein anderer geworden: schlanke Hüften, breite Schultern, aufrechter Gang. Seine Bewegungen setzt er sehr genau. Alles wirkt geordnet. Viktor darf nichts falsch machen. In Gefühlssachen schon gar nicht. Doch genau diesen Fehler begeht er irgendwann. Nadja Uhl spielt das Mädchen, in das sich Viktor verliebt: ganz zart und blond und beinahe anämisch bleich im Gesicht. Ausgesogen wie die blutleere Stadt. Viktor und Nina: der Eiskalte und der Engel.

Natürlich denkt man bei diesem Plot zuerst an das amerikanische Genre-Kino. Doch der Film hat sein direktes Vorbild woanders. Regisseur Mennan Yapo spielt sein Genre-Billard nämlich über die Bande von Jean-Pierre Melville. Vom Ausgangspunkt Hollywood gelangt der Thriller über französische Genrefilm-Variationen nach Deutschland, wo man seit den späten achtziger und frühen neunziger Jahren nichts vergleichbares mehr gesehen hat. Damals hatte Dominik Graf mit „Die Katze“ (1988) und „Die Sieger“ (1994) das Spannungsgenre im Alleingang bestritten, bevor seine Metamorphose zum Autorenfilmer einsetzte. „Lautlos“ gräbt diese verschüttete Tradition wieder aus.

Die Vorlage stammt von Lars-Olav Beier, dem Filmkritiker des „Spiegels“, der damit einen Trend im deutschen Kino fortsetzt, der kürzlich mit dem SZ-Journalisten Tobias Kniebe („Fremder Freund“) und dem Spiegel-Redakteur Dirk Kurbjuweit („Schussangst“) in Gang kam: Journalisten schreiben Drehbücher ― und das alles andere als schlecht. Dazu kommt, dass Regisseur Yapo, der 1966 als Sohn türkischer Eltern in München geboren wurde und davor nur einen Kurzfilm gedreht hatte, alles richtig macht. „Lautlos“ ist ein beinahe klassizistisch strenger Film von edler Vielfalt und stiller, nur von ein paar Elektronikbeats unterbrochener Größe.