Julian
Hanich


Texte zum Kino

Humoristik der Aufklärung (2005)

No Bullshit: Der Moderator Jon Stewart präsentiert im amerikanischen Fernsehen viermal pro Woche preisgekrönte Politsatire und Medienkritik

Der Moderator Jon Stewart lehnt während seiner Sendung gern mit dem Ellbogen auf der Schreibtischplatte. In der linken Hand hält er einen weißen Kugelschreiber, den er zwischen den Fingern kreisen lässt. Auf den ersten Blick könnte man Stewart, 42, für einen Nachrichtensprecher halten. Der Anzug sitzt einwandfrei. Die Krawatte ist perfekt gebunden. Sein Aussehen: makellos. Das Studio hat das glitzernde, blaue Interieur, dass man bei Nachrichtensendungen gewöhnt ist. Im Hintergrund kann man einen Globus erkennen, was ebenfalls typisch ist. Nur die etwas schlampige, zur Seite geneigte Haltung und der kreisende Kugelschreiber signalisieren: „Vorsicht! An dieser Sendung ist was schief. Wer nicht aufpasst, wird um den Finger gewickelt.“

Jon Stewarts „The Daily Show“ betreibt ausgeklügelte Mimikry: In die Verkleidung der Nachrichtensendung geschlüpft, hält sie dem Politbetrieb und der Medienmaschinerie einen Spiegel vor, in dem diese die Fratze ihrer eigenen Unzulänglichkeiten erkennen sollen. Man kennt dieses Verfahren, seit Hamlet seinem Onkel Claudius im Schloss von Helsingör ein grausames Schauspiel bot. Und wie der wahnwitzige Däne treibt auch der hochgradig witzige New Yorker seinen Kontrahenten manchmal die Scham ins Gesicht. Kürzlich hielt es der NBC-Nachrichtenmoderator Brian Williams für angebracht, einen von der „Daily Show“ aufgedeckten Recherchefehler dort in ein besseres Licht zu stellen. Nicht umsonst also hat Stewarts Sendung in den beiden vergangenen Jahren fünfmal den höchsten amerikanischen Fernsehpreis Emmy erhalten. Vor allem jüngere Zuschauer billigen der „Daily Show“ mehr Informationskredit zu als den eigentlichen Nachrichtensendern. Das muss angesichts von Propagandisten wie dem „Fox News“-Moderator Bill O’Reilly allerdings nicht verwundern.

Auch wenn die „Daily Show“ in den USA vom Kabelsender „Comedy Central“ ausgestrahlt wird – im Zusammenhang mit Jon Stewart sollte man sich deshalb hüten, von Comedy zu sprechen. Was Stewart macht, steht politischem Kabarett näher als deutschen Comedians wie Olli Dittrich oder Rüdiger Hoffmann. Am ehesten beschreiben ihn vermutlich Ausdrücke wie „Politsatiriker“ und „Medienkritiker“. Was aber macht seine Sendung so besonders? Der erste Teil der 30 Minuten (die durch drei Werbeblöcke unterbrochen sind) ist den „News“ gewidmet. Stewart monologisiert zunächst kurz, um dann eingespielte Schnipsel vom Müllberg des medialen Tages zu kommentieren. Oberflächlich betrachtet, ähnelt die „Daily Show“ also Stefan Raabs „TV Total“. Doch schon beim Humor trennen die Wege: Wo Raab in ein breites Grinsen verfällt, um die Leute anschließend höhnisch auszulachen, setzt Stewart nur ein süffisantes Lächeln auf und schüttelt verwundert den Kopf. Dieser Unglaube über die Impertinenz und den Zynismus des politischen Betriebs und der sie begleitenden Medien ist gut gespielt – wobei Stewart zugute kommt, dass er auch als Schauspieler in Hollywood gearbeitet hat.

Im Unterschied zu Raab und Harald Schmidt aber auch Jay Leno und David Letterman hat die „Daily Show“ darüber hinaus nicht nur gute Gags auf Lager, sondern offenbart auch diesen speziellen Drang zur Aufklärung. Es werden Überschriften in Tageszeitungen ebenso gegeißelt wie peinliche Interviewtechniken im Fernsehen entblößt. Mit besonderer Freude wird das „Doppeldenk“ der Politiker entlarvt. So hat George Orwell einst die Fähigkeit genannt, gleichzeitig zwei konträre Meinungen zu vertreten. Ein Höhepunkt ereignete sich kürzlich, als der neue amerikanische Botschafter bei den Vereinten Nationen, John Bolton, vorgestellt wurde. Zunächst präsentierte Stewart einen Ausschnitt aus Boltons Rede, in der dieser von „enger Kooperation“ und „offener Kommunikation“ zwischen den Nationen sprach. Danach zitierte Stewart genüsslich einige Ansichten über die UN, wie sie aus der Vergangenheit von Bolton überliefert sind. Zum Beispiel: „Das UN-Gebäude in New York hat 38 Stockwerke. Wenn es zehn Stockwerke verlöre, würde das nicht den geringsten Unterschied machen.“ Angesichts solcher Strategien kann man Stewarts Sendung auch in jenen Bereich einordnen, der in den USA „Meta-Medien“ oder „Erklärungsindustrie“ genannt wird. Damit ist ein Spektrum an medialen Wachhunden gemeint, das von liberalen Medienkritikern in Tagesszeitungen über Blogger im Netz bis zu den erzkonservativen Talk-Radio-Moderatoren reicht, und das damit beschäftigt ist, die Nachrichten und die darin präsentierten Inhalte zu überprüfen und zu bewerten.

Im zweiten Teil der viermal wöchentlich in New York aufgezeichneten Show wechselt Stewart dann das Genre. Wie man es aus anderen Late-Night-Shows kennt, nimmt nun ein Gesprächsgast Platz. Das Ungewöhnliche bei Stewart: In diesen vier- bis siebenminütigen Interviews werden einem die Sätze bisweilen schneller um die Ohren gehauen als in einer mit der Vorspultaste abgespielten Screwball-Comedy – und dennoch kommt etwas rüber dabei. Das liegt zum einen daran, dass Stewart ungeduldig wird, wenn ein Gast die Phrasenmaschine anwirft. Vor allem hängt es aber damit zusammen, dass hier keine dahergelaufenen „Big-Brother“-Brüder ihre erste CD vermarkten dürfen, sondern politische, künstlerische und intellektuelle Großkaliber in Stellung gehen. Das reicht von Bill bis Hillary, von Michael Moore bis Tom Wolfe, vom Princeton-Ökonomen Paul Krugman bis zum Princeton-Philosophen Harry Frankfurt. Mit letzterem hat sich Stewart in dieser Woche ernsthaft über dessen moralphilosophischen Aufsatz „Über Bullshit“ unterhalten. Dass dabei kein Scheiß herauskam, spricht für Stewarts geistige Gewandtheit. Und die Qualität seiner Show.