Julian
Hanich


Texte zum Kino

Ihre Filme „Nachmittag“ und „Ferien“ feiern heute in Forum und Panorama Premiere. In beiden Fällen geht es um brüchige Familien-Konstellationen, die auf ästhetisch sehr ähnliche Weise dargestellt werden. Zufall?

Arslan: Wir gleichen das nicht ab. Ich zeige ja meine Filme anderen Personen immer erst, wenn sie fast fertig sind. Und dann geht es vor allem um Nuancen am Feinschnitt.

Der Begriff „Berliner Schule“ – mit dem Sie, Christian Petzold und andere zusammengefasst werden – beschreibt also nicht mehr als einige auffällige ästhetische Gemeinsamkeiten?

Arslan: Man muss sich das alles sehr informell und lose vorstellen. Ich gehe manchmal mit Christian zusammen ins Kino und spreche über Filme. Aber das ist keine Zusammenarbeit im engeren Sinn. Manchmal sehen wir uns Monate lang nicht.

Schanelec: Letztendlich sind wir befreundet. Aber jeder arbeitet sehr für sich. Durch die Blickweise auf uns als Gruppe, die jetzt ziemlich überhand genommen hat, entsteht ein falscher Eindruck: Für uns unterscheiden sich die Filme viel stärker, als für jemanden, der von außerhalb draufblickt und der Einfachheit halber Parallelen zieht. Dass es jetzt in beiden Fällen um Familien geht, ist in der Tat Zufall.

Sie scheinen nicht sehr glücklich mit dem Etikett „Berliner Schule“.

Arslan: Der Nachteil ist, dass es einige Leute davon zu suspendieren scheint, die einzelnen Filme genauer anzusehen. Es werden nur noch Schnittmengen von Vergleichbarem hergestellt. Wie bei den Dogma-Filmen hat sich aber irgendwann erledigt, was man darüber noch neues schreiben kann.

Schanelec: Am Anfang, als der Begriff auftauchte, hatten wir die Hoffnung, dass es sich positiv auswirkt. Dann stellte sich aber schnell heraus, dass er eher alles verwässert.

Gibt es andererseits auch Vorteile?

Schanelec: Ja. Zum einen werden unsere Namen permanent genannt. Zum anderen ist eine Diskussion in einem Gruppen-Zusammenhang gerade im das Ausland, wo man deutsche Filme viel weniger kennt, eine Chance.

Eine Ihrer Gemeinsamkeiten ist die stark zurückgenommene Mimik und Gestik der Schauspieler.

Arslan: Ich will, dass die Darsteller einfach spielen und sich nicht auf Tricks oder Manierismen verlassen. Beim Filmemachen stellt sich ja immer die Frage, wie man Lebendigkeit ästhetisch herstellt. Dieser künstliche Prozess funktioniert für mich nicht, indem ich das „pralle Leben“ vor der Kamera stattfinden lasse, sondern indem ich etwas vergleichbares beim Publikum auslöse. Dabei muss man dem Zuschauer einen Spielraum lassen, der nicht mehr gegeben ist, wenn die Darsteller jedes Gefühl expressiv vormachen.

Ähnlich gehen Sie mit der Frage um, was im Bild zu sehen ist und was durch den Ton aus dem Off nur angedeutet wird. Auch hier bekommt der Zuschauer einen großen Freiraum.

Schanelec: Film besteht aus Ausschnitten. Deshalb muss man zwangsläufig darüber nachdenken, was zu sehen und was nur zu hören sein soll. Für mich stellt sich die Frage: Wie kann ich das Auge und das Ohr des Zuschauers in Anspruch nehmen, ohne ihm alles doppelt vorzuführen?

Sie gehen dabei weiter als andere Filmemacher.

Schanelec: Manchmal werde ich gefragt, ob ich denn gar nicht an den Zuschauer denke. Eigentlich denke ich nur an den Zuschauer. Worum es mir geht, sind seine Assoziationen und Vorstellungen. Warum soll es gut sein, sich anzumaßen, ihm alles zu liefern und den Anspruch zu erheben: „Ich zeig dir das jetzt mal, lieber Zuschauer, und dann hast Du Dich mit nichts anderem zu beschäftigen“?

Was muss der Zuschauer dabei leisten?

Arslan: „Leisten“ muss er gar nichts. Wenn er sich für meinen Film entscheidet, geht er ja bereits aktiv auf ihn zu. Und da erwarte ich dann nicht mehr als ein bisschen Offenheit für meine Filme – die ich im Übrigen als sehr direkt und einfach empfinde.

Wer abends müde nach Hause kommt, greift dennoch eher selten nach einem Angela-Schanelec- oder Thomas-Arslan-Film.

Schanelec: Ich mache meine Filme nicht, damit die Leute abschalten. Es muss schon die Lust geben, im Kino weiterzuleben, weiterzudenken, weiterzufühlen – und sich nicht nur bedienen zu lassen.

Arslan: Da würde ich zustimmen. Es ist wichtig, dass der Zuschauer lebendig bleibt und nicht in ein Wach-Koma versetzt wird, bei dem es egal ist, was vorne auf der Leinwand stattfindet. Aber die Spielformen sind vielfältig: Aktiv involviert ist man auch bei einem Brian-de-Palma-Film wie „Femme fatale“, sonst versteht man nach einer halben Stunde gar nichts mehr.

Schanelec: Ich möchte es vermeiden, den Zuschauer zu manipulieren. Was mich an Blockbustern stört, ist die Tatsache, dass bestimmte Mittel eingesetzt werden, bei denen der Zuschauer lachen oder weinen soll. Diese Mittel sind durchsichtig, und trotzdem kann man sich ihnen oft nicht entziehen. Mir geht es um die subjektive Erfahrung.

Sie ziehen es also vor, den Zuschauer zu individualisieren statt ihn zu kollektivieren?

Schanelec: Ja, diese Formulierung finde ich gar nicht so schlecht.

Ausgehend von einer Polemik des Produzenten Günter Rohrbach im „Spiegel“ debattieren die Feuilletons derzeit die Funktion der Filmkritik. Welche Rolle spielt Kritik für Sie?

Arslan: Ich gehöre zu den Leuten, die alle Kritiken lesen. Auch deshalb, weil für mich die Kritik die Aufgabe des Korrektivs hat: sich eben nicht nur darauf zu kaprizieren, Presseblätter von Großproduktionen abzuschreiben, sondern als Helfer Schneisen zu schlagen für Dinge, die sonst nicht wahrgenommen werden.

Schanelec: Für mich spielt die Filmkritik natürlich auch eine Riesenrolle. Es sind die ersten Reaktionen, die man bekommt. Und die haben Konsequenzen für die Aufnahme des Films, zumal meine Zuschauerzahlen sowieso gering sind.

Arslan: Aber nicht die von Rohrbach. Deswegen fand ich seine Äußerungen ausschließlich peinlich: Die Blockbuster-Hersteller verdienen Millionen und sind sich dennoch nicht zu blöd, Beschwerde darüber zu führen, dass die Kritik sie nicht liebt. Man hat kein Anrecht darauf, geliebt zu werden.

Wie gehen Sie mit schlechten Besprechungen um?

Schanelec: Bei mir ist die Fähigkeit, Kritik wegzustecken, ziemlich ausgeprägt – wobei das nachlässt (lacht). Und zwar, weil ich mir Sorgen um meine Arbeit mache. Schlechte Kritiken und wenig Zuschauer, da kannst du irgendwann einpacken.

Arslan: Ja, ohne positive Reaktionen kann man es auf die Dauer nicht machen. Wir arbeiten ja mittlerweile unter haarsträubenden Bedingungen. „Nachmittag“ und „Ferien“ hatten mit etwa 450.000 Euro die Hälfte der Etats, die wir bei den Filmen davor hatten. Das stellt eine sehr konkrete Brutalität für alle Mitarbeiter und einen selber dar.