Julian
Hanich


Texte zum Kino

Mr. Soderbergh, zwei Ihrer jüngsten Filme ─ „Ocean’s Eleven“ und „Solaris“ ─ waren Remakes. Was treibt einen dazu, ein Remake zu machen?

Ich glaube nicht, dass mich irgendetwas zu einem Remake treibt. Ich habe bloß keine Regeln, die es mir erlauben oder verbieten. Ich sehe Remakes als nichts anderes als Dramen und Opern, die immer wieder gespielt und unterschiedlich interpretiert werden. Filme sind nicht heiliger als Theater. Sie sind nur viel teurer ─ weshalb es weniger oft geschieht.

Ein Autorenfilmer würde sagen: Ich schreibe lieber meine eigene Geschichte und schaue nicht, was andere Leute schon gemacht haben.

Das sehe ich anders.

Ich könnte mir vorstellen, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen einem Frank-Sinatra-Film und einem Tarkowski-Film als Vorbild.

Ja, natürlich. Aber ich habe in keinem der beiden Fälle versucht, dem Original zu folgen. Ich habe einfach nur diejenigen Aspekte angeeignet, die zu mir passen. Bei „Ocean’s Eleven“ interessierte mich am meisten die Kameraderie der Schauspieler im Original. Genau das wollte ich wieder herstellen ─ die Geschichte hätte bei einem modernen Film nicht funktioniert. Und im Fall von „Solaris“ hatte ich den Vorteil von Stanislaw Lems Roman, der mir beinahe alle notwendigen Informationen bereitstellte. Ich habe mir natürlich Tarkowskis Version und alle seine anderen Filme angesehen, aber nicht wegen bestimmter Ideen, sondern um ein Gefühl für die Atmosphäre und Stimmung zu bekommen und um inspiriert zu werden durch seine Kompromisslosigkeit, Präzision und Kontrolle über das Material. Ich hatte gerade den Film „Full Frontal“ hinter mir, der ein totales Durcheinander war. Deshalb war ich danach an etwas Formalerem interessiert.

Die erste „Solaris“-Verfilmung war auch ein Wettstreit zwischen Tarkowski and Kubrick.

Ja, angeblich hat Tarkowski gesagt, er habe den Film als Reaktion auf „2001“ gemacht. Er fand ihn irgendwie nihilistisch und atheistisch. Einen ganzen Film als Antwort auf einen anderen Film ─ das ist ziemlich vielsagend: Er war wohl wirklich beeinflusst. Ich habe das noch nie gemacht.

Wirklich? Ist die Annahme völlig abwegig, dass Sie sich durch „Solaris“ mit Tarkowski in einem künstlerischen Wettstreit messen wollten?

Als ich mich an den Film machte, habe ich niemals daran geglaubt, nach diesem Vergleich besser als Tarkowski dastehen zu können. Vor zwei Jahren ist mir in New York ein Mann auf der Straße hinterher gejagt. Er schrie, ich solle mich schämen überhaupt daran zu denken, „Solaris“ neu zu verfilmen. Ich machte den Film einfach trotz [kursiv] der Tatsache, dass ich Vergleiche heraufbeschwören würde ─ vorwiegend deshalb, weil ich spürte, dass die beiden Filme sehr verschieden sind. In dreißig Jahren liest vielleicht irgendjemand das Buch, sieht die beiden Filme und sagt: Ich habe eine dritte Interpretation. Was völlig legitim wäre. Ich hätte aber vermutlich ein anderes Gefühl gehabt, wenn der Tarkowski-Film eine Originalidee gewesen wäre.

Nach „Ocean’s Eleven“ kamen „Full Frontal“ und „Solaris“. Diese Filme waren wieder stärker persönlich geprägt. Bei „Solaris“ beispielsweise hatten Sie neben Regie, Drehbuch und Kamera auch den Schnitt inne. Zudem stiegen Sie statt Pedro Almodóvar in das Autorenfilmer-Projekt „Eros“ ein, an dem auch Michelangelo Antonioni und Wong Kar-wai beteiligt sind. Bedeutet das eine weitere Wendung in Ihrer Karriere?

Meine Karriere besteht nur aus Wendungen (lacht). Im Ernst: Unter Leuten, die über Filme schreiben, herrscht der Glaube vor, dass ein Film wie „Ocean’s Eleven“ kein Autorenfilm sein kann. Aber das zeigt mir bloß, dass diese Leute keine Filme machen, andernfalls würden sie so eine Behauptung nicht aufstellen.

Ich persönlich hätte die Behauptung unterschrieben, dass „Ocean’s Eleven“ ein vergleichsweise konventioneller Genrefilm ist, wohingegen „Solaris“…

…aber was wäre denn, wenn ich einen konventionelleren Genrefilm habe machen wollen und dabei völlige künstlerische Kontrolle hatte? Wenn ich beide Formen von Filmen mag ─ warum soll dann „Ocean’s Eleven“ anders sein als „Solaris“.

Vielleicht, weil Sie eine Art gespaltene Künstleridentität haben, die hin- und hergerissen ist zwischen Genrestücken und Autorenfilmen?

Das ist Ihre Projektion, weil Sie sonst diese beiden Filme nicht erklären könnten. Aber ich sage Ihnen nur: Die Höhe des Engagements ist beide Male identisch. Keine Frage: Natürlich gibt es persönliche Autorenfilme und Filme, die von einem Komitee erdacht wurden. Aber meine gesamte Karriere, dreht sich doch darum, Leute davon abzubringen, nicht nur mich, sondern Filme im Allgemeinen in Schubladen zu stecken.