Julian
Hanich


Texte zum Kino

“Eternal Sunshine of the Spotless Mind” (2004) von Michel Gondry

Was macht der Mann, wenn er Liebeskummer hat? Er besäuft sich? Chaotisiert herum? Hämmert E-Mails an alle Verflossenen in den Computer? Fängt er womöglich sogar hemmungslos an, Briefmarken zu sammeln?

Nein, er bleibt ruhig. Er hat keinen Grund, hysterisch zu werden. Denn seit es die Firma „LACUNA“ (zu deutsch: Hohlraum) gibt, kann der Mann erinnerungstechnisch tabula rasa machen. Mit anderen Worten: Er händigt sämtliche Erinnerungsstücke ― Fotos der Geliebten, Geschenke, gemeinsam gehörte CDs ― an die Firma aus. Er lässt sich in einen anachronistischen Metallhelm zwängen und mit einem Laptop verkabeln. Und dann lehnt er sich zurück und bekommt gar nicht mit, wie ihm schrittweise alle Erinnerungsmarkierungen herausradiert werden. Melancholie, Trauer und der ganze emotionale Liebeskrimskrams verschwinden aus seinem Kopf ― weggesaugt wie Hausstaubmilben aus dem Perserteppich. Danach, das kann man mit Fug und Recht behaupten, steht er seinem Liebeskummer ziemlich emotionslos und vergesslich gegenüber.

Allerdings ist das Problem damit nicht gelöst. Denn man trifft sich bekanntlich zweimal im Leben ― zumal wenn Regisseur und Drehbuchautor an Vorsehung in der Liebe glauben. Einerseits ist der Film, mit dem wir es hier zu tun haben, also das Werk von zwei heillosen Romantikern. Sie erzählen die Geschichte von Joel (Jim Carrey), dem Neurotiker, der sich in jede Frau verliebt, die ihm nur einen kurzen Blick widmet, und der spontanen, impulsiven, launischen Clementine (Kate Winslet), die eines kalten Wintertages mehr als nur ein Auge auf Joel wirft, um ihn später buchstäblich aus ihrem Gedächtnis zu streichen. Andererseits handelt es sich bei Regisseur und Drehbuchautor um: a) den Franzosen Michel Gondry, der es mit aufwendigen Videoclips für Björk und Daft Punk zur eigenen DVD-Edition gebracht hat und mit der aberwitzigen Komödie „Human Nature“ in Hollywood debütierte; sowie b) Charlie Kaufman, dem man nach „Being John Malkovich“ und „Adaptation“ nur mit Mühe nachsagen kann, dass er seine Drehbücher nicht selbst-referentiell und ironisch genug anlegt. Daraus folgt, dass „Vergiss mein nicht!“ sowohl eine Lovestory ist, aber auch angemessen verrückt, verspielt und verschachtelt.

Um den Zuschauer ins (Unter-)Bewusstsein seiner Hauptfigur Joel hineinzulotsen, nutzt Gondry das Drehbuch zu einigen verblüffenden Schnitt-, Kamera- und Ton-Tricksereien. Figuren verschwimmen im Bild, während andere ihre Konturen behalten. Töne und Musik sind plötzlich nur noch auf einer Seite des Kinosaals zu hören. Die Zeitebenen schieben sich ineinander wie die Farbflächen eines kubistischen Bildes. Vor allem aber das Ineinanderfließen von Räumen ist es, das einem nachhaltig in Erinnerung bleibt (und dort von keiner ominösen Firma gelöscht werden sollte!). Wer Dinge im Gedächtnis behalten will, sollte sie sich als geistige Bilder an Orte heften, riet Cicero, der alte Römer. Joels Haus der Erinnerung kennt viele Orte, und der Film hüpft zwischen ihnen umher, als wollte er eine Essenz des Kinos auskosten, die der Kunsthistoriker Erwin Panofsky in einem Aufsatz über den Film die „Dynamisierung des Raumes“ genannt hat. In einer Szene beispielsweise geht Joel aus der Hintertür eines Buchladens und steht plötzlich in einem Wohnzimmer eines Bekannten. Wer Gondrys bahnbrechenden Werbespot für „Smirnoff“-Wodka gesehen hat, kennt dieses Stilmittel.

Der Originaltitel des Films lautet „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“, eine Zeile aus Alexander Popes Gedicht „Eloisa to Abelard“. Ob es eine kluge Entscheidung des Verleihs war, einen hochmetaphorischen Vers in ein Blumenamen-Kalauer zu verwandeln ― darüber kann man streiten. Unbestreitbar ist: Dieser Film, der zu einer Jahreszeit spielt, für die der Ausdruck „bitterkalt“ noch viel zu heißblütig ist, lässt einen synästhetisch im flauschigen Kinositz frösteln ― und trotzdem wird einem dabei warm ums Herz.