Julian
Hanich


Texte zum Kino

Horch mal, wer da spricht!
Sieben Argumente gegen die Synchronisation. Eine Polemik

Die Qualität der deutschen Synchronisation ist Weltspitze. Ihr Ruf ist so gut, dass selbst Hollywood englische Synchronfassungen hier anfertigen lässt ─ beispielsweise für Ang Lees chinesischen Film „Tiger und Dragon“. Die Studios schicken Supervisor, die während der Synchronisation auf jedes Details achten. Sie schreiben sogar die Art der Mikrofone vor und sagen, wo sie zu hängen haben. Doch es nützt nichts. Unablässig bekommt man Synchronisationen vorgesetzt, bei denen einem Hören und Sehen vergeht. Die Synchronisation sei ein „übler Kunstgriff“, hat Jorge Louis Borges schon vor über 50 Jahren geschrieben. Nichts hat sich daran geändert. Deshalb folgen hier sieben Argumente gegen das Synchronisieren.

1. Das Sprachargument: Es mag für uns etwas Beruhigendes haben, wenn die ganze Welt deutsch spricht. Es könnte aber unter Umständen sein, dass dies nicht der Realität entspricht. Bei der Synchronisation handelt es nicht nur um einen fragwürdigen Akt von Homogenisierung fremder Kulturen, sondern oft genug verschwindet ein Teil der filmischen Bedeutung in den dunklen Räumen der Synchronisationsstudios. Gerade wo Sprache soziale Unterschiede markiert (beispielsweise bei Kelly Macdonalds schottischer Bediensteter in „Gosford Park“) oder auf Fremdheit verweist (wie bei Gérard Depardieus französischem Immigranten in „Green Card“), führt die Synchronisation ins Nichts. Aus dem Arbeiter-Englisch der Liverpooler lower class wird ─ Hochdeutsch. Aus dem Dialekt eines sizilianischen Bergbauers wird ─ Hochdeutsch. Und aus dem black twang der Schwarzengettos wird, richtig, ebenfalls Hochdeutsch. Es hat schon seinen Sinn und Reiz, dass Ben Kingsley in „Sexy Beast“ nicht im Royal-Shakespeare-English parliert. Nur durch passende Wortübersetzung gegenzusteuern, genügt da nicht. Aber was sollen die Synchronisateure auch machen? Den brasilianischen Favelas-Slang in „City of God“ mit Kreuzberger Türken-Deutsch unterlegen?

2. Das Schauspieler-Argument: Die Synchronisation ist ein medizinischer Kunstfehler: Dem Schauspieler werden grundlos die Stimmbänder herausoperiert. Statt dessen bekommt er eine fremde Stimme transplantiert. Das deutsche Publikum lernt immer einen Zwitter kennen: ein Mischwesen aus Robert de Niro und Christian Brückner, aus Michael Douglas und Volker Brandt. Stirbt der Synchronsprecher-Teil dieser Doppelkreatur ab, muss der Schauspieler wieder unters Messer. Künftig wird das beim alten Cowboy Clint Eastwood so sein, dessen Sprecher Klaus Kindler in die ewigen Jagdgründe eingegangen ist. Bei singenden Hauptdarstellern bleibt zudem meist der Originalgesang unangetastet ─ wodurch Michelle Pfeiffer in „Die fabelhaften Baker Boys“ durchaus doppelzüngig agiert. Bleibt die Frage: Warum redet eigentlich bei Gene Hackman immer John Goodman mit rein? Die Antwort: Die Anzahl guter Synchronsprecher ist begrenzt. Er muss nicht nur die Dialoge lippengetreu nachsprechen; er muss den Darsteller stimmlich nachspielen. Tom Hanks ist Jeff Goldblum ist Kevin Kline ist Bill Murray ─ ist mit anderen Worten Arne Elsholtz.

3. Das Verfälschungsargument: „Man muss den Film im Original sehen: sonst versteht man zwar alles, aber das meiste falsch“, hat Andreas Kilb über „Wild at Heart“ geschrieben. Manchmal jedoch versteht man nicht mal alles ─ weil das meiste fehlt. Das berühmteste Beispiel ist im vergangenen Jahr mit der Wiederaufführung von „Casablanca“ in Erinnerung gerufen worden: Die Synchronfassung von 1951 hatte alle Hinweise auf die Nazis getilgt und war deshalb 20 Minuten kürzer. Hinweise auf die deutsche Geschichte werden bisweilen immer noch entfernt. Lukas Moodyssons „Zusammen“ ist ein Beispiel, in dem ein schwedischer Kommunist zur RAF gehen will, ohne dass die deutschen Zuschauer jemals davon erführen. Um Filme für ein bestimmtes Alter zugänglich zu machen, werden oft gewaltverherrlichende Texte oder Vulgärsprache gemildert. In „Pulp Fiction“ wird deshalb aus „bad mutherfucker“ „böser schwarzer Mann“. Ein weiteres Problem: kulturspezifische Anspielungen. In Nanni Morettis Film „Aprile“ gibt es einen Verweis auf den „Mediterraneo“-Regisseur Gabriele Salvatores. Weil die Synchronregisseurin diesen scheinbar nicht kannte, wird in der deutschen Fassung daraus ein x-beliebiger „Salvatore“.

4. Das Atmosphäre-Argument: Natürlich gehen auch bei Untertitelungen Informationen verloren: die Zahl der Anschläge pro Zeile ist begrenzt und bei schnellen Dialogen wird der Film mehr gelesen als gesehen. Doch der Film lebt nicht vom Dialog allein. Oft sagen Töne mehr als tausend Worte. Wenn Musik und Hintergrundgeräusche aber nicht auf einer eigenen Tonspur festgehalten, sondern mit dem Dialog zusammen aufgenommen sind, können sie bei einer Synchronisation nicht mehr gerettet werden. Das passiert bei Experimentalfilmen oder billigen Produktionen, aber auch bei Regisseuren wie Nanni Moretti, die bewusst auf Direktton setzen. Bei den Filmen der dänischen Dogma-Leute, die sich den Direktton sogar in ihre Zehn-Gebote-Tafeln gemeißelt haben, mussten deshalb nicht nur die Dialoge ersetzt, sondern alle Geräusche im Studio nachgeraschelt und -geklappert werden. Die Folge: „Idioten“ klang idiotisch und „Das Fest“ war nicht mehr feierlich.

5. Das Angebotsargument: Eine These: Wäre das deutsche Publikum besser an Untertitelung gewöhnt, gäbe es ein größeres Angebot an Filmen. Warum? Eine Synchronisation kostet zwischen 25.000 und 150.000 Euro. Bei einer Untertitelung kommt der Verleih dagegen mit 3.000 bis 5.000 Euro aus. Kleine Filme werden deshalb oft nur untertitelt in die Kinos gebracht. Wären weniger Zuschauer synchronisationshörig, gäbe es ein größeres Publikum für untertitelte Filme. Daraus folgt: Die Verleiher könnten unter geringerem Risiko mehr Filme ins Kino bringen.

6. Das PISA-Argument: Kritiker behaupten gerne, dass Filme eine Schule fürs Leben seien. Was in untertitelten Filmen auch stimmt. Durch das Weglassen der Synchronisation wären Kinder nämlich früh gezwungen, lesen zu lernen, wenn sie „Herr der Ringe“ oder „Das Dschungelbuch II“ verstehen wollten. Deshalb ist der Ruf nach mehr Untertitelung kein elitäres Blabla, sondern eine pädagogische Maßnahme. Außerdem werden Hörverständnis, Vokabular, Sprachmelodie und Aussprache anderer Sprachen trainiert. Dass die Schüler der Synchronisationsländer Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland oft schlechter englisch sprechen als ihre Mitschüler aus den untertitelten Ländern wie Norwegen, Schweden und Holland, hat auch damit zu tun.

7. Das Verleihtitel-Argument: Gemeinsam mit der Synchronisation ließen sich auch die geschwülstartigen Verleihtitel-Auswüchse entfernen. Klassiker sind der Beatles-Film „Help“, der einst unter dem Titel „Hi-hi-Hilfe“ in die Kinos kam, und „Singin’ in the Rain“ als „Du sollst mein Glücksstern sein“. Phillip Noyces vorletzter Film mit dem englischen Titel „Rabbit-Proof Fence“ bekam den, tja, englischen Titel „Long Walk Home“. Höhepunkt der Filmgeschichte ist aber vermutlich Peter MacDonalds „Mo’ Money“ ─ der mit „Meh’ Geld“ übersetzt wurde. Hi-hi-Hilfe!