Julian
Hanich


Texte zum Kino

Totaler Recall
Wird Arnold Schwarzenegger zum Wiedergänger Ronald Reagans? Eine Glosse

Die totale Erinnerung wird wachgerufen. Plötzlich ist es wieder soweit, dass ein Schauspieler Politiker werden möchte und die Reden gespickt sind mit Filmzitaten. Als Arnold Schwarzenegger diese Woche bekannt gab, er werde zur Abwahl, dem total recall, von Gouverneur Gray Davis antreten, schnaubte er in Jay Lenos „Tonight“-Show stellvertretend für die Bürger Kaliforniens: „We’re mad as hell and we’re not taking it anymore.“ („Wir sind verdammt sauer und halten das nicht mehr aus.“) Ein guter Satz. Er stammt aus Sidney Lumets Film „Network“. Bei einem Truppenbesuch in Bagdad hatte Schwarzenegger am Unabhängigkeitstag den Soldaten das beliebte „Terminator“-Zitat entgegengerufen: „Ich will mich bei euch bedanken, dass ihr zu Saddam Hussein ‚Hasta la vista, Baby!’ gesagt habt.“ Und bei mehr als einer Gelegenheit stieß er die berühmten Worte hervor, die man mittlerweile aus fünf seiner Filme kennt: „I’ll be back!“ Man darf das als Drohung verstehen: Der einstige „Running Man“ ist running for governor. Am 7. Oktober ist Judgement Day in Kalifornien, der Tag der Entscheidung.

Ja, die totale Erinnerung wird wachgerufen: War da nicht schon mal ein Mann, der das Kino in die Politik gebracht hat? Der Politikwissenschaftler Michael Rogin entwirrte Mitte der achtziger Jahre in einem aufsehenerregenden Essay die unheimliche Verflechtung von Leben und Fiktion in der Biographie Ronald Reagans. Dabei kamen kuriose Dinge ans Licht. Vor dem innerem Auge Ronald Reagans hatten sich immer wieder Filmbilder über reale Eindrücke gelegt ― bis er selbst nicht mehr wusste, was er gespielt, was er im Kino gesehen und was er tatsächlich erlebt hatte. Als er das erste Mal für das Amt des Gouverneurs von Kalifornien kandidierte, erzählte Reagan, der nie auch nur in die Nähe einer Kampfhandlung gekommen war, dass er im Zweiten Weltkrieg Adjutant einer Air Force-Basis gewesen sei. Er vergaß, dass diese Air-Force-Basis in einem Hollywood-Studio stand. Ein andermal gab er mit Tränen in den Augen die heroischen Taten eines Kriegspiloten zum besten ― bis ein Matrose enthüllte, dass die Geschichte dem Film „Wing and a Prayer“ entstammt. Bei seiner Amtseinführung als Präsident ließ er als Fanfare die Filmmusik seines Filmes „Kings Row“ einspielen. Und nachdem ihn der sowjetische Amerikanist Georgi Arbatow als B-Film-Schauspieler abgekanzelt hatte, wandte sich Reagan flehend an Michail Gorbatschow: „Sagen Sie Arbatow, dass es nicht nur B-Filme waren.“ Danach, so die Legende, war das Eis zwischen den Staatsmänner gebrochen und das eisige „Reich des Bösen“ begann langsam unter dem Einfluss von Reagans sonnigem Gemüt zu schmelzen. Reagans Verquickung von Kino und Politik ging sogar soweit, dass er Filme wie eine Gebrauchsanweisung zu lesen begann: „Junge, Junge, gestern nacht habe ich ‚Rambo’ gesehen. Jetzt weiß ich, was ich tun werde, wenn so etwas wieder passiert.“, sagte er im Juli 1985 in Anspielung auf die Geiselnahme der 39 Amerikaner im Libanon.

Nie lagen Showbusiness und Politik enger beisammen. Doch das Verhältnis war schon davor höchst fruchtbar. Nicht Reagan, sondern John F. Kennedy war nämlich der erste Hollywood-Präsident. Joseph Kennedy, der Vater von JFK, hatte sein Geld in der Filmbranche verdient; und Marilyn Monroe schälte sich aus JFKs Bett, um für „Mr. President“ ein Geburtstagständchen zu säuseln. Clint Eastwood wurde später Bürgermeister von Carmel. Der Sänger Sonny Bono zog ein in den Kongress. Und Bush der Jüngere hat kürzlich zur Verkündung des Kriegendes auf einem Flugzeugträger „Top Gun“ und „Independence Day“ nachgespielt. Schade nur, dass Jesse Ventura, der Berufswrestler, nicht mehr Gouverneur von Minnesota ist. Ventura und Schwarzenegger, die schon in „Running Man“ und „Predator“ gemeinsam vor der Kamera standen, hätten ein schlagkräftiges Politiker-Duo abgegeben: Vier Fäuste für ein Halleluja.

Man wagt es gar nicht, sich vorzustellen, was alles möglich wäre, wenn der man aus Graz die Wahl gewänne. Die kalifornischen Fernsehzuschauer könnten wie wild hin- und herzuzappen zwischen Realität und Fiktion: von der pressewirksamen Eröffnung eines Kindergartens zum „Kindergarten Cop“; von der Begnadigung eines Todesstrafenkadidaten zur Hinrichtung des „Terminator 2“, von den Versuchen des ehemaligen Mr. Universums, Kalifornien zu stemmen zu seinem Bodybuilder-Film „Pumping Iron“. Und was erst, wenn auch Schwarzenegger seine Filme als Anleitung zum politischen Glücklichsein nimmt! Dann könnte die Stimmung im Land des letzten Actionhelden richtig bombig werden. Und beruhigend wäre es noch dazu: ein steirischer Bua als Gouverneur, der schon ein paar Mal die Welt gerettet und dem Satan obendrein ein paar hinter die Hörner gegeben hat! Wer ist dagegen, bitteschön, der graue Gray Davis?

Reagan war 55 Jahre alt, als er sein Amt als Gouverneur von Kalifornien antrat. Schwarzenegger ist gerade 56 geworden. Dem Österreicher steht womöglich eine goldene Zukunft im Golden State bevor. Wir sind sicher: Für Arnold Braunshweiger, wie er in „Last Action Hero“ genannt wird, ist das alles „No Problemo.“