Julian
Hanich


Texte zum Kino

Der Master of Disaster
Roland Emmerich wird Jury-Präsident der Berlinale. Ein Treffen in Hollywood

Für welches Kino steht Roland Emmerich? Zur Antwort auf diese Frage sollte man sich am besten sämtliche Formen des Kinos aufgereiht auf einer langen Geraden vorstellen. Am einen Ende der Geraden befinden sich unsere privaten Amateurfilme. Am anderen Ende trifft man auf das Kino von Roland Emmerich. Bei Filmen wie „Independence Day“ (1996), „Godzilla“ (1998) und „The Day After Tommorrow“ (2004) blickt man jener filmindustriellen Maschinerie ins Auge, für die Hollywood zugleich bewundert und verachtet wird. Zuletzt haben Emmerichs Filme immer weit über 100 Millionen Dollar gekostet. Eingespielt haben sie noch viel mehr. Durch sie werden gigantische Finanz-, Kreativ- und Marketingabteilungen in Bewegung gesetzt. Was dabei herauskommt, sind aufwendige Marginalien und unterhaltsame Unterforderungen.

Emmerich wollte ursprünglich Ausstatter werden. Das merkt man seinen Filmen bis heute an. Er dekoriert seine Bilder mit Details und schmückt sie aus mit Effekten. Irgendwo dazwischen werden seine Figuren wie leblose Mannequins postiert. Bevor ein Darsteller eine Miene zuviel verziehen, bevor die Kamera in Stillstand verharren, bevor das Drehbuch eine Wendung zuviel nehmen könnte, schickt Emmerich die Stuntmen in Position, schmeißt den Computer für die Special Effects an und jagt ein, zwei Hochhäuser in die Luft. Der Spruch, mit dem „Godzilla“ beworben wurde, hieß: „Size matters.“ Auf die Größe kommt es an!

Schon auf der Münchner Filmhochschule Anfang der achtziger Jahre bewunderte er Coppola, Spielberg und George Lucas. Als er dann anfing, Science-Fiction-Filme zu drehen, schlug man die Hände über dem Kopf zusammen. Wegen Filmen wie „Joey“ (1985) und „Moon 44“ (1989) wurde Emmerich, der Schwabe, als „Spielbergle“ abgetan. Das hat ihn verletzt und war ein Grund, warum er Deutschland Richtung Hollywood verließ. Dort hat er sich mit „Universal Soldier“ (1992) und „Stargate“ (1994) durchgebissen, was ihm den Vertrag für „Independence Day“ einbrachte. Danach haben sich die Zeiten endgültig geändert. Belächelt wird er nicht mehr – höchstens gehasst. Mit Spektakel-Filmen macht man Geld. Freunde im Feuilleton macht man sich damit nicht. „Independence Day“ ist noch immer einer der zehn erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Doch unter Intellektuellen gab es in den neunziger Jahren kaum einen Film, der mehr verabscheut wurde. „Godzilla“? Verspottet und verrissen und einer der drei einträglichsten Blockbuster des Jahres 1998. Die neunziger Jahre waren das Jahrzehnt des Katastrophenfilms. Und man kann von diesem Genre halten, was man will: Emmerich, der master of disaster, ist darin der große Virtuose.

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Hollywood. Eine Seitenstraße des Sunset Boulevard. In zweiten Stock eines bis oben mit Efeu bewachsenen Hauses: das Büro von Roland Emmerich. Dunkler Parkettboden, schwerer Holzschreibtisch. An der Wand ein Poster: „Lawrence von Arabien“. Hier arbeitet der Mann, der sich in den 90er Jahren den Ruf erarbeitet hat, mit seinen Filmen reaktionäre Amerika-Propaganda zu verbreiten. In „Independence Day“ führen die Amerikaner die Welt zum Sieg über die Aliens – woraufhin der amerikanische Unabhängigkeitstag zum weltweiten Gedenktag erhoben wird. In „Der Patriot“ (2000) befreien sich tapfer revoltierende Amerikaner mit nationalistischen Pauken und Trompeten von den bestialischen Briten.

Wie Emmerich hier in seinem Büro in einem Ledersessel sitzt mit Baseball-Kappe, zerfetzter Jeans und Puma-Sneakers, fällt es nicht leicht, in ihm einen Reaktionär zu erkennen. „Ich bin nie besonders patriotisch gewesen – nicht für Deutschland, nicht für Amerika“, sagt er. Deshalb sei er nach „Der Patriot“ in eine Krise geschlittert. Er hatte genug davon, ständig als rechtslastiger Überpatriot abgekanzelt zu werden. „Damals habe ich mir gesagt: Du machst jetzt mal, was du wirklich denkst.“ Aus diesem Antrieb entstand: „The Day After Tomorrow“. Der Grünen-Wähler Emmerich wuchtete ein Öko-Spektakel auf die Leinwand, das als Wahlkampfwaffe gegen George W. Bush gefürchtet wurde. Die Kritik an der republikanischen Umweltpolitik konnte kaum eindeutiger sein. War von heute auf morgen aus dem Saulus ein Paulus geworden?

Es scheint, als produziere Emmerich seine Filme gegen den politischen Trend. Er sagt, die liberalen Clinton-Jahre hätten es erlaubt, Filme wie „Independence Day“ und „Der Patriot“ zu machen: „Wahrscheinlich hätte ich beide Filme unter Bush ganz anders gedreht.“ Emmerich erklärt sein filmisches Gegen-den-Trend-Schwimmen damit, dass er schon immer ein Querdenker gewesen sei. Diese Erklärung überzeugt aber nur zum Teil. Man erkennt in Emmerichs Filmen darüber hinaus die verspielte Naivität eines Zündlers, der unterschätzt, welches ideologische Feuer des Kinos entfachen kann. Nachdem er sich ein paar Mal die Finger verbrannt hat, scheint ihm das nun bewusst zu sein.

Emmerich lebt seit fünfzehn Jahren in Amerika. Er hat eine Villa in Hollywood und ein Apartment in New York. Im Gespräch setzt er manchmal zuerst auf Englisch an. Schon in der Filmhochschule war seine Bewunderung für Amerika bekannt. Und doch: Im gleichen Maß wie sich der politische Inhalt seiner Filme gewandelt hat, ist auch seine Einstellung gegenüber Amerika umgeschlagen. Er sagt Sätze wie: „Ich finde es gefährlich, wenn politische Aktionen mit Gott gerechtfertigt werden.“ Er bezeichnet die Bush-Regierung als verlogen und ignorant. Im vergangenen Jahr hat er sogar angekündigt, wenn Bush die Wahl gewänne, aus Amerika wegzugehen. Dazu ist es bisher nicht gekommen. Immerhin: Sein nächster Film entsteht in England. „Ich muss Abstand gewinnen von Amerika“, sagt er. Und auch inhaltlich löst er sich. Der Film wird ein historisches Ensemblestück über Shakespeare! Genauer: die Frage, wer hat Shakespeares Stücke wirklich geschrieben. (Laut Emmerich war es Edward De Vere, der 17. Earl von Oxford.) Man kann schon jetzt die kritischen Henker in England ihre Fallbeile wetzen hören. „Ich habe mir gerade ein Haus in London gekauft. Mein Produzent sagte nur, das könne ich gleich wieder verkaufen.“ Aber egal. Das muss jetzt sein. Man kann nicht immer machen, was die Leute erwarten. In einem bleibt sich Emmerich allerdings treu: dem Zertrümmern nationaler Denkmäler. In „Independence Day“ zerstörte er das Weiße Haus. In „Godzilla“ wurde das Chrysler-Hochhaus in New York geköpft. Nun also Shakespeare, das englische Heiligtum.

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Nun also: Präsident der Berlinale-Jury. Es war das Jahr 1984, als Roland Emmerich, 28 Jahre, Filmstudent, auf der Berlinale seinen Abschlussfilm vorstellte. „Das Arche Noah Prinzip“ hieß der Film, der damals für Aufregung sorgte. Deutsches Science-Fiction-Kino? Im Wettbewerb der Berlinale? Und die Amerikaner kommen auch noch ziemlich schlecht weg? Dieses Naserümpfen war der Anfang vieler Missverständnisse. Emmerichs Arbeiten wurden in Deutschland nicht geschätzt. Deshalb ist es umso überraschender, in welcher Funktion der Mann jetzt zurückkehrt. Schließlich trägt die Berlinale das Jury-Amt Filmemachern für deren „herausragende Arbeit“ an.

Eigentlich sollte Emmerich schon im vergangenen Jahr in der Jury sitzen. Damals war er in die Produktion von „The Day After Tomorrow“ verwickelt. Emmerich sagte ab. Vor ein paar Monaten klingelte das Telefon wieder. Am Apparat: Berlinale-Chef Dieter Kosslick. Er fragte, ob Emmerich statt Mitglied der Jury nicht gleich deren Präsident werden wolle. Emmerich erschrak und dachte: lieber nicht, als Jury-Präsident hat man ja auch politische Verantwortung. Wahrscheinlich erinnerte er sich an Cannes 2004, als Quentin Tarantino Michael Moore die Goldene Palme für „Fahrenheit 9/11“ überreichte. Also sagte er: „Ach, Dieter, das ist nicht so mein Ding.“ Doch Kosslick ließ nicht locker. Er versprach jemand anderen zu suchen. Allerdings unter einer Voraussetzung: Wenn er niemanden auftreiben könne, sollte Emmerich übernehmen. Er stimmte zu, Kosslick fand niemanden. Und nun fragt sich Emmerich natürlich, wie ernsthaft Kosslick tatsächlich gesucht hat. Ein Trick? Vielleicht. „Beim Dieter bin ich mir da nicht so sicher.“

Dass er jetzt auf einem Stuhl Platz nimmt, der bisher für Filmmenschen reserviert war, die in ihrem Leben noch kein Haus (und schon gar kein Weißes) in die Luft fliegen ließen, liegt also zum einen am Chef der Berlinale. Man tritt Kosslick nicht zu nahe, wenn man ihm unterstellt, bei dieser Entscheidung ein klein wenig Provokation im Hinterkopf gehabt zu haben. Emmerich als Nachfolger von Mira Nair, Atom Egoyan und Frances McDormand? Dass über diese Stichelei keiner in Aufruhr geriet, spiegelt andererseits ein Umdenken in der deutschen Filmlandschaft wider. Das sieht auch Emmerich so: „Es hat sich viel getan, seit ich aus Deutschland weggegangen bin. Kommerz ist nicht mehr verschrien; das Autorenkino ist nicht mehr im gleichen Maße vorhanden.“ So kommt es, dass der verlorene Sohn Roland E. nach 21 Jahren wieder in die Arme geschlossen wird. Fast wie im Melodram: genau dort, wo einst die Karriere begann.