Julian
Hanich


Texte zum Kino

 Die DDR ist tot? Es lebe die DDR!
„Good bye, Lenin!“ heißt der neue Film von Wolfgang Becker, der gerade in Berlin gedreht wird. Ein Besuch am Set

Der 7. Oktober 1989. Ein Samstag, verregnet und kühl. 40. Geburtstag der DDR. Auf der Karl-Marx-Allee paradiert zackig das Militär und salutiert den Herren auf dem Podium. Die roten Flaggen flattern klirrend im Wind. Und auf der Sonderausgabe des „Neuen Deutschland“ brandet einem in dicken Lettern der Jubel entgegen: „Die Entwicklung der Deutschen Demokratischen Republik wird auch in Zukunft das Werk des ganzen Volkes sein.“ Auf dem Alexanderplatz kommen ein paar Hundert Jugendliche zusammen, die nicht jubeln, sondern wütend gegen das Regime anbrüllen. Sie marschieren in Richtung Palast der Republik, wo Honecker mit Gorbatschow, Ceausescu und Jaruzelski auf die DDR anstößt. Doch die Polizei knüppelt in die Menge und treibt sie mit Wasserwerfern zurück. Erich Mielke wütet: „Jetzt ist Schluss mit Humanität.“ Der Schriftsteller Walter Kempowski schreibt am nächsten Tag in sein Diarium „Alkor“: „Gestern hat’s wieder Demonstrationen gegeben in Berlin, Leipzig und Dresden. Sonderbar unwirkliche Aufnahmen.“

An der Kreuzung Glinka-/Mohrenstraße steht jetzt der Regisseur Wolfgang Becker, 47, in eine dicke Jacke gehüllt und versucht ein paar sonderbar wirkliche Aufnahmen in unwirklicher Umgebung. An diesem Herbstabend des Jahres 2001 ist der 7. Oktober 1989 nach Berlin zurückgekehrt. Rote Spruchbänder sind über die Häuser gespannt. Darauf sind Sätze zu lesen wie „Stärkung der DDR ─ Erste Bedingung für Lebenssicherheit“. Auf riesigen Transparenten prangen Hammer und Zirkel auf Schwarzrotgold; Marx, Engels und Lenin blicken ernst in die Ferne. Die Laternenlichter sind ein wenig trister als sonst. Der U-Bahnhof Mohrenstraße heißt jetzt „Otto-Grotewohl Str.“ [sic]. Und überall stehen alte Militärfahrzeuge, W 50-Lkws und die grau-grünen Wartburgs der Volkspolizei. Aus ihnen werden gleich fünfzig DDR-Polizisten springen und die über 500 Komparsendemonstranten zurückdrängen, die sich jetzt die Straße entlang schieben und „Pressefreiheit!“ skandieren.

Mit einem Schweißbrenner werden noch schnell die Parkmarkierungen auf der Mohrenstraße entfernt. Gab’s damals nicht. Wäre nicht authentisch. Und obwohl sieben Millionen Mark Budget für einen historischen Film nicht viel sind, soll natürlich alles so geschichtsgetreu wie möglich sein. „Andernfalls gibt es bestimmt eine Menge Nörgler aus dem Osten, die dann schimpfen: Das war doch ganz anders!“ sagt die Hauptdarstellerin Katrin Saß, die als eine der wenigen Ostdeutschen im Team die DDR selbst erlebt hat. Immerhin: Die Demonstrationsszene wurde vom Alex hierher verlegt. Das Ambiente scheint hier sozialistisch-authentischer. In den Film werden später auch viele Dokumentaraufnahmen von einst zu sehen sein.

Seit Wolfgang Becker „Das Leben ist ein Baustelle“, den Film über das Berlin-Gefühl der 90er Jahre, in die Kinos brachte, sind fast fünf Jahre vergangen. Eine lange Zeit ─ schließlich war der Film bei Kritik und Publikum erfolgreich. Doch Becker sagt, er habe einfach keine gescheiten Drehbücher bekommen. Bis ihm der Kölner Autor Bernd Lichtenberg ein Exposé nach Berlin schickte. „Wie in einem Ping-Pong-Spiel ging es dann zwischen Köln und Berlin hin und her“, sagt Becker. Langsam entwickelte sich die Vorlage zu „Good bye, Lenin!“ Doch weil Becker ein langsamer Schreiber ist, wie er betont, ging noch mal einige Zeit ins Land.

Der Film erzählt von Axel Kerner, der mit seiner Mutter an der Karl-Marx-Allee wohnt, da, wo an Aufmarschtagen immer das Podium für die SED-Prominenz steht. Doch sehen kann er die hohen Herren eh nicht: Vor dem Fenster hängen jedes Mal die riesigen Banner und tauchen das Wohnzimmer in knallrotes Licht. Die Panzerketten knirschen dann immer so laut, dass man aufwacht davon. An jenem 7. Oktober 1989 macht sich Alex’ Mutter auf, um als stolze und verdienstvolle DDR-Bürgerin geehrt zu werden. Im Palast der Republik soll sie von Honni und Gorbi einen Orden erhalten. Doch dann gerät sie in die Demonstration und sieht wie ihr protestierender Sohn von Polizisten verprügelt wird. Sie erleidet einen Herzinfarkt und fällt ins Koma. Als sie neun Monate später erwacht, ist ihre geliebte DDR am untergehen ─ was sie auf keinen Fall erfahren darf. Denn: Die Ärzte raten zu völliger Ruhe. Was tun? hätte Lenin jetzt wahrscheinlich gefragt. Alex entscheidet sich dazu, seine Mutter nichts von den veränderten Umständen in der Welt da draußen wissen zu lassen. Die DDR ist tot? Es lebe die DDR! Zumindest in der Plattenbauwohnung der Familie Kerner.

„Eine traurige Komödie“, sagt Katrin Saß. „Eine zutiefst menschliche Geschichte“, sagt Wolfgang Becker. „Es geht mir nicht darum, neue Erkenntnisse über die Wiedervereinigung zu erzählen. Ich halte nicht viel von Filmen, die Statements über Politik oder Geschichte machen“, betont Becker. Deshalb rückt er die Beziehung von Alex zu seiner Mutter ins Zentrum, die Wendezeit dient nur als Hintergrund. Und natürlich gibt es auch eine Liebesgeschichte. Denn Alex, der vom jungen Daniel Brühl („Schule“, „Nichts Bereuen“) gespielt wird, verliebt sich im Hospital seiner Mutter in eine Krankenschwester. Diese wird dargestellt von der hübschen Russin Chulpan Chamatova, die zuletzt in „Victor Vogel“, „England!“ und „Tuvalu“ zu sehen war. Zwei der interessanteren Gesichter unter den jungen Darstellern des deutschen Kinos also. Dazu kommt Katrin Saß, die in diesem Jahr schon den Bundesfilmpreis für „Heidi M.“ bekommen hat, in der Rolle der Mutter.

Katrin Saß steht am Straßenrand und schaut ein paar Stuntmen beim Proben zu. Sie sind als Schutzpolizisten verkleidet oder stellen Stasi-Beamte dar, mit Schnauzbärten und ausgewaschenen Nietenhosen. Die Beamten zerren eine Demonstrantin zu Boden und tun so, als schlügen sie mit Knüppeln auf sie ein. Immer wieder, bis der Stunt-Koordinator zufrieden ist. Katrin Saß fühlt sich an 1989 erinnert: „Da kommt alles wieder hoch. Ich habe damals am Leipziger Schauspielhaus gespielt, und die Montagsdemonstrationen an der Nicolaikirche waren ja gleich gegenüber. Wir haben den Leuten drinnen im Theater was vorgespielt, während draußen diese Dinge abliefen. Unglaublich!“

Einige Passanten verspüren in diesem neo-sozialistischen Ambiente offensichtlich ein paar Vergangenheitsgefühle ganz anderer Art. Ein Ehepaar bittet darum, ein Erinnerungsfoto von ihnen und ihrem kleinen Sohn vor einem „40 Jahre DDR“-Transparent zu schießen: „Wie Sie sehen, war der Kleine damals noch nicht geboren. Deshalb wollen wir ein bisschen Geschichtsfälschung machen.“ Ein älterer Herr trottet missmutig den Gehsteig entlang, bis er sich plötzlich erstaunt in der wiedergeborenen DDR wähnt. Der Szenenbildner Lothar Holler ─ auch er hat für „Sonnenallee“ schon einen Bundesfilmpreis gewonnen ─ macht sich einen Spaß und erklärt dem Mann mit ernster Miene: „Jaja, der Gysi hat die Wahlen gewonnen.“ Der Mann antwortet erfreut: „Jenau, so hab’ ick mir det jewünscht!“