Julian
Hanich


Texte zum Kino

„Wie ein Schriftsteller mit Füller und Papier“
Die iranische Regisseurin Samira Makhmalbaf über ihren Film „Fünf Uhr am Nachmittag“

Die iranische Regisseurin Samira Makhmalbaf, obwohl erst 24 Jahre alt, hat bereits drei Spielfilme und einen Kurzfilm zum Episodenprojekt „11’09’’01“vorzuweisen. Mit ihrem jüngsten Film „Fünf Uhr am Nachmittag“ gewann sie auf dem Filmfest in Cannes im vergangenen Jahr den Spezialpreis der Jury.

In Ihren Filmen spielt Bildung immer eine tragende Rolle. Warum?

Ich glaube es war Kubrick, der einmal geklagt hat, dass die Menschen an zuviel Wissen und Bildung litten. Aber in dem Teil der Welt, in dem ich lebe, leiden wir nicht an zuviel Wissen, sondern an zuviel Unwissenheit. Um das zu ändern, brauchen wir Bildung. Vielleicht hat mein Interesse aber auch damit zu tun, dass in unserer Kultur die Sehnsüchte der Frauen in dem Moment beginnen, wenn sie die Familie verlassen und anfangen, etwas zu lernen. Als ich für die Dreharbeiten den ersten Tag in Afghanistan war, sah ich auf der Straße Frauen mit Burka. Man kann sich kaum vorstellen, dass sich darunter lebendige Personen befinden. Aber als ich anfing, mit ihnen zu reden, hatten diese Frauen große Ideen und Sehnsüchte. Einige von ihnen sprachen sogar Englisch. Das kommt durch die Schule. Dieses andere Gesicht der afghanischen Frauen wollte ich zeigen.

Ihr Film legt nahe, dass der Konflikt in Afghanistan einerseits zwischen den Geschlechtern, andererseits aber auch zwischen den Generationen stattfindet.

Sowohl als auch. Es handelt sich um tiefsitzendes kulturelles Problem. Die Amerikaner konnten nicht davon ausgehen, wie Rambo nach Afghanistan zu gehen und über Nacht einen Übergang von den Taliban in die Moderne zu schaffen. Ich war im Sommer und Herbst 2002 dort. Die Taliban gab es nicht mehr, doch 95 Prozent der Frauen trugen noch immer die Burka ― sie hatten Angst. Das Problem ist nicht mit einer äußeren Wunde vergleichbar. Es geht tiefer. Mehr wie ein Krebs, dessen Behandlung Zeit und Geld benötigt.

Ruinen, verletzte Menschen, zurückkehrende Emigranten… Die Auswirkungen des Afghanistan-Kriegs sind sehr greifbar in Ihrem Film. Was fehlt, sind die Amerikaner. Warum?

Darüber habe ich bisher nicht nachgedacht. Vielleicht liegt es daran, dass ich keinen Politfilm machen wollte ― obwohl der Film natürlich sehr politisch ist.

Die Protagonistin Ihres Films wirft ihrem Vater vor, ein religiöser Fanatiker zu sein mit dem man nicht argumentieren könne. Ist das auch ihre Position gegenüber der älteren Generation?

Ich würde das Ganze gerne von einem humanistischeren und weniger politischen Standpunkt aus sehen. Ich bin nicht nach Afghanistan gegangen und wusste bereits vorher, was los ist. Ich wollte mich umsehen ― aber nicht urteilen. Deshalb habe ich auch versucht, den alten Mann zu verstehen, der an die Taliban geglaubt hat und jetzt leidet. Auch er ist ein Mensch. Vor dem 11. September drehte mein Vater den Film „Kandahar“. Er brachte Informationen über Afghanistan in Umlauf, ein Land, in dem die Leute aus tausenderlei Gründen starben ― und keiner kümmerte sich darum. Ich erinnere mich, wie er darüber weinte. Dann kam der 11. September. Hunderte von Nachrichtensender strömten ins Land. Diese Sender sind die Stimmen von mächtigen Institutionen und Regierungen, aber nicht die Stimme der Menschen in Afghanistan. Trotz all der Nachrichten, wissen wir deshalb noch immer nicht, was in Afghanistan tatsächlich los ist.

Mit ihrem Vater, dem Filmemacher Mohsen Makhmalbaf, haben Sie zusammen das Drehbuch geschrieben. Wie wichtig ist er für Sie?

Die Beziehung zu ihm ist sehr vielfältig: Er ist mein Vater, mein Kollege, mein Freund. Außerdem ist er mein wichtigster Lehrer. Ich habe angefangen, das Kino zu lieben, weil ich ihn liebte. Ich sah, wie viel ihm das Kino bedeutete ― und wollte deshalb herausfinden, was das eigentlich ist: das Kino. Dabei war das Beste, was er mir beigebracht hat: Filme nicht um der Filme willen zu machen, sondern die Menschen zu lieben und dabei zu versuchen, sie durch das Medium Film hindurch zu betrachten.

Ein Rat, der sich in Ihrer Arbeit mit den Darstellern niedergeschlagen hat.

Ja. Den Film „Der Apfel” habe ich mit zwei geistig zurückgebliebenen Mädchen gedreht. „Schwarze Tafeln“ entstand im tiefsten Kurdistan. Die „11’09’’01“Episode drehte ich mit sehr armen afghanischen Kindern. Ich habe immer mit gewöhnlichen Menschen gearbeitet, die wenig vom Kino wussten. Bei „Fünf Uhr am Nachmittag“ kannten die Leute zumindest Kameras, weil nach dem 11. September viele Reporter nach Afghanistan gekommen waren. Aber in einem Spielfilm mitzumachen, damit konnten sich die Leute nicht so leicht abfinden. Bis zwei Tage vor Drehbeginn, hatte ich keine Hauptdarstellerin.

Wie sind Sie bei der Besetzung vor gegangen?

Man muss mit offenen Augen auf die Leute zugehen, ihnen zuhören, versuchen, sie zu lieben. Das braucht Zeit. Meine Hauptdarstellerin Agheleh Rezaie beispielsweise: Bis zum Ende des Films hatte ich Probleme mit ihr. Manchmal erschien sie nicht. Manchmal hörte sie nicht auf mich. Aber am Ende der Dreharbeiten war sie eine enge Freundin von mir.

Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, sich den Darstellern mit kleinen Digitalkameras zu nähern?

Bislang sind alle meine Filme auf 35mm-Material gedreht. Aber mir gefällt die Vorstellung sehr gut. Im Kino brauchen wir Philosophie und Dichtung. Doch die meiste Zeit über ist das Kino in der Hand des Geldes und der Techniker. Mit den einfachen und preiswerten Digital-Kameras ist es anders: Du nimmst sie, gehst los und machst deinen Film. Wie ein Schriftsteller mit Füller und Papier. Das ist gut für die Zukunft des Kinos.