Julian
Hanich


Texte zum Kino

“Before the Devil Knows You’re Dead” von Sidney Lumet (2007)

Es gibt Thriller, deren Spannung fast ausschließlich der Handlung entspringt. Am Anfang des Films wird ein bedrohlicher Endpunkt gesetzt, der als buchstäbliche deadline immer näher rückt. Gnadenlos tickt die Uhr. Das Tempo wird zunehmend beschleunigt. Der Protagonist dieser Filme ist die Zeit. Daneben gibt es Thriller, in denen der Überbau des Plots zweitrangig bleibt, die ihre Spannung aus den fein verästelten psychologischen Auseinandersetzungen der Figuren ziehen. Die Intensität dieser Filme beruht auf Sympathie, Antipathie und Einfühlung. Der Protagonist dieser Filme ist der Schauspieler.

Der Regisseur Sidney Lumet hat in seiner langen Karriere viele Thriller gedreht. Es waren fast alles Schauspielerfilme. Auch „Tödliche Entscheidung“, sein jüngster Film, ist keine Ausnahme. Zwar treibt er den Zuschauer zu hoher Wachsamkeit, indem er seine Geschichte auf verschlungenen Wegen ausbreitet und zeitlich vor und zurück springt. Dabei verbindet er die Nahtstellen zwischen Vergangenheit und Gegenwart mit stilistisch ungewöhnlichen Blitzschnitten, die beinahe den Scratches eines Hip-Hop-DJs gleichkommen. Doch letztlich ist seine hochsolide und stilsicher inszenierte Kriminalgeschichte vom heruntergewirtschafteten Brüderpaar, das einen mickrigen Coup in den Sand setzt und dabei dem Vater einen schmerzhaften Schock verpasst, nur ein Vorwand für eine Reihe packender Charakter- und damit Schauspielerduelle.

Da ist zum einen Hank (Ethan Hawke): ein zappeliges Bürschchen, das mit den Nerven ziemlich am Ende ist. Sein New Yorker Apartment ist ein Loch. Seine Ehe gleicht einem Trümmerhaufen. Den Unterhalt für die Tochter bekommt er kaum zusammen, was diese natürlich nicht gutheißen kann und ihm auch das ziemlich direkt zu verstehen gibt. Aus Frust schüttet er sich in Mooney’s Pub regelmäßig einen rein. Seine grünlich-blasse Haut ist der weithin sichtbare Beweis der inneren Übersäuerung. Dringend hat dieser Typ mal wieder einen Batzen Geld nötig. Der einstige Generation-X-Sunnyboy Ethan Hawke hat sich selten so überzeugend zum schmächtigen Würstchen degradiert.

Da ist zum anderen Andy, Hanks älterer Bruder: ein gegelter Kerl, der weit zurückgelehnt im Sessel hängen muss, weil er zu feist ist, um aufrecht zu sitzen. Sein tristes Büroturm-Angestellten-Leben hat ihn in die Heroinabhängigkeit getrieben. Und Geld hat er in seiner Firma auch noch unterschlagen – schließlich hat er eine Designer-Wohnung zu bezahlen mitsamt einer Edel-Gattin (Marisa Tomei) darin, die gewisse Konsumwünsche hat, wo sie doch sonst kaum Ansprüche stellen kann. Im Bett jedenfalls ist Andy alles andere als ein Bringer. Und so unterhält die Gattin eine Affäre mit einem Mann, dem Andy sehr nahe steht. Extrem nahe sogar. Wie eine Boa Constrictor windet sich das Schicksal um Andys Hals und schnürt ihm langsam die Luft ab. Kein Wunder, dass er wie so viele amerikanische Helden gerne noch mal von vorne anfangen würde: mit einem Befreiungsschlag ausbrechen und die Flucht in die Ferne wagen. Gewohnt überzeugend fügt Philip Seymour Hoffman seiner Galerie aus Transvestiten, Perversen und tuntigen Schriftstellern ein weiteres Exemplar menschlicher Abgrundexistenz hinzu.

Bleibt als dritter im Bunde der Vater. Er wird auf seine alten Tage mit der Aussicht konfrontiert, dass er seine Söhne völlig falsch erzogen haben könnte. Jedenfalls lassen sie den nötigen Respekt vor dem Familienstolz vermissen. Bestürzt muss er zusehen, wie ihm sein Lebensentwurf durch die Finger rinnt wie ein zerbröselter Zwieback. Aber dieser Charles Hanson lässt sich nicht so leicht den Schneid abkaufen. Schon gar nicht von seinen beiden lumpigen Söhnen. Vielleicht könnte man ja auch durch Gewalt wieder Ordnung schaffen…? Albert Finney, der schon in „Mord im Orient-Express“ (1974) mit Lumet zusammengearbeitet hat und dafür eine Oscar-Nominierung bekam, spielt den Vater mit wunderbar kurzatmiger Störrigkeit.

Vor zwanzig Jahren hat Sidney Lumet einen Film gedreht, der den Titel „Family Business“ trug. So könnte auch dieser Film heißen. Die drei Hauptfiguren werden von einem eng gesponnenen Familiennetz zusammengehalten. Auf Gedeih – mehr aber noch auf Verderb. Was wie ein spannender Gaunerfilm beginnt, nimmt am Ende beinahe die Ausmaße einer griechischen Tragödie an. Einem unerfahrenen Regisseur wäre diese Geschichte möglicherweise aus dem Ruder gelaufen. Vielleicht hätte er sich auch in die Ironie gerettet. Nicht so Sidney Lumet. Weil er das Schlammassel seiner Figuren todernst nimmt, bleibt dem Zuschauer nichts anderes übrig, als sich den beklemmenden Familienangelegenheiten auszuliefern. Der Kritiker Tobias Kniebe hat kürzlich darüber geklagt, wie erbärmlich das Filmgeschäft mit seinen Altmeistern umgeht. Mit „Tödliche Entscheidung“ zeigt der 83-jährige Sidney Lumet: Es gibt zum Glück immer ein paar Ausnahmen zur Regel.