Julian
Hanich


Texte zum Kino

“La première étoile” von Lucien Jean-Baptiste (2009)

Man nennt es das fish out of water-Prinzip. Und es funktioniert ganz einfach. Zieht man einen Fisch mit der Angel aus seiner angestammten Umgebung und legt ihn an Land,  macht er ziemlich schnell eine ziemlich blöde Figur. Er japst, grimmassiert und hüpft hin und her. Er zappelt wild und macht krumme Faxen. Ja, man könnte durchaus sagen, er wird zur Slapstick-Figur. Übertragen auf das Kino wird daraus eine Wundertüte an Witz und Humor. Es ist eine uralte Strategie der Filmkomödie, die schon deshalb immer wieder Erfolg hat, weil sie eine noch viel ältere Grundregel der Komik beherzigt: das Aufeinanderprallen von Extremen und das damit verbundene Funkenschlagen der Kontraste.  Man nehme beispielsweise eine südfranzösische Familie und zwinge sie in den kalten Norden, wo die Leute komisch aussehen, sich kurios benehmen und eine ganz besonders merkwürdige Sprache dahernuscheln. Oder man greife sich eine Gruppe von jamaikanischen Sprintern und schicke sie als Bobfahrer zu den Olympischen Winterspielen in den kanadischen Schnee. Und wie wär’s schließlich mit einer Reihe von Großstadt-Menschen, die es auf einer Ranch mit Rindviechern zu tun bekommen – und sich dabei selbst wie welche benehmen?

Kreuzt man diese drei Komödien – „Willkommen bei den Sch’tis“, „Cool Runnings“ und „City Slickers“ –, landet man punktgenau bei „Triff die Elisabeths“. Der Film hat in Frankreich einigen Erfolg gehabt. Und das nicht zu Unrecht. Denn er rekombiniert gekonnt und amüsant die Versatzstücke seiner Vorläufer: Auch hier geht es um die Unterschiede zwischen den französischen Regionen, um eine Gruppe von Schwarzen im Schnee und um Großstädter in der Provinz. Dazu kommt der Kontrast zwischen der Banlieue-Unterschicht mit Migrationshintergrund und den Weißen in den reichen Savoyer Alpen-Ressorts.

Der Antillen-Franzose Jean-Gabriel – gespielt von Lucien Jean-Baptiste, der hier zudem erstmals Regie führte – ist ein sympathischer Faulpelz. Sein geringes Einkommen verschleudert er in Wettbüros. Seine weiße Frau und die drei Kinder sehen das mit wachsendem Unbehagen. Weil er zudem gerne eine große Klappe riskiert, verplappert er sich auch schon mal. Und so kommt es, dass er großspurig einen Ski-Urlaub mit der Familie ankündigt, für den ihm von hinten bis vorne das Geld fehlt. Und nicht nur das: Ein motorisiertes Gefährt muss er ebenfalls besorgen. Der Zufall will es immerhin, dass sein bester Freund ein Prolokarossen -Liebhaber ist – um nicht zu sagen: ein Auto-Erotiker und Fetischist aufgestylten Lack und Leders. Dessen gelbes Geschoss mit Palmen auf den Seitenflügeln dient der Familie als Vehikel, um von Créteil nach Les Gets zu kommen. Die Distanz beträgt knapp 600 Kilometer – aber eigentlich liegen Welten dazwischen. Kein Schuft, wem Böses dabei schwant.

Lucien Jean-Baptiste hat kein Problem damit, hemmungslos mit der Hautfarbe der karibisch-französischen Familie seine Wortwitze zu treiben: Da wird über schwarzen Kaffee, schwarze Pisten und Schwarzzahlungen gescherzt. Aber weil mit der Großmama (Firmine Richard) eine Frau dabei ist, die mit dem Wort „Wuchtbrumme“ noch zurückhaltend beschrieben ist und gewaltig an die resolut-rundliche Dame aus dem „Ladykillers“-Remake der Coen-Brüder erinnert,  haben auch die Frauen in diesem Film ein, nun ja, gewichtiges Wort mitzureden. Auch das durchaus zur Erheiterung des Zuschauers.