Julian
Hanich


Texte zum Kino

Es geschieht am helllichten Tag
„The Town“ von Ben Affleck (2010)

 Charlestown, ein rauer Stadtteil von Boston: Nach einem Überfall verliebt sich Doug (Ben Affleck), der Kopf einer eiskalten Gangster-Gruppe, in eine Angestellte (Rebecca Hall) der bestohlenen Bank. Das gefällt vor allem seinem heißblütigen Partner Jem (Jeremy Renner) nicht, zumal die Bande zusehends ins Visier des FBI-Mannes Frawley (Jon Hamm) gerät. Doug steckt in einem Dilemma: Hält er die amouröse Verwicklung aufrecht? Bleibt er loyal gegen gegenüber seinen Kumpels und den anderen Betonköpfen der irischstämmigen Mafia? Und wie geht er mit den näher rückenden Ermittlern um?

„The Town, nach „Gone Baby Gone“ Ben Afflecks zweite Regie-Arbeit, ist ein Coup. Wer hätte gedacht, dass der gewesene Jungstar dereinst ein solches Gespür für das Genre-Kino an den Tag legen würde? Die drei Raubüberfälle, als großangelegte Actionsequenzen auf Anfang, Mitte und Ende des Films verteilt, sind aufgeladen mit einem hohen Maß an kinetischer Energie. Immer wieder beschleunigt Affleck den Film durch extreme Tempowechsel, etwa wenn er aus einem romantischen Dialog abrupt hinein in eine wuchtige inszenierte Hausdurchsuchung wechselt. Wer noch das schwerfällige Ende von Christopher Nolans „Inception“ im Hinterkopf hat, wird Afflecks Dynamik besonders zu schätzen wissen.

Darüber hinaus ist der Film hervorragend besetzt. Jon Hamm, der Star der Fernsehserie „Mad Men“, beweist,  dass er nicht nur auf dem kleinen Bildschirm eine gute Figur macht. Die verletzliche Rebecca Hall zeigt eine Sophistication, wie wenige Schauspielerinnen ihrer Generation. Jeremy Renner, wieder einmal am Rande des Wahnsinns balancierend, wandelt zusehends auf den Spuren von Sean Penn. Und selbst Ben Affleck hat mittlerweile ein paar Ecken und Kanten. Dazu kommen mit Pete Postlethwaite und Chris Cooper noch zwei verwitterte Charakterköpfe, die man nicht oft genug sehen kann.

Doch damit nicht genug: Geschickt schiebt Affleck seiner Mischung aus Thriller und caper movie ein paar Gedanken über den urbanen Wandel unter. Was bleibt von einer Stadt, wenn sie von einer herkunftslosen Yuppie-Schicht in Beschlag genommen wird? Und umgekehrt: Was nützen all die glühenden Identitätsbekenntnisse der harten Jungs, wenn sie ihrer Stadt nur Verderben bringen? In einem Epigraph zitiert Affleck einen Bewohner von Charlestown: Der Stadtteil habe ihn ruiniert – und dennoch sei er stolz auf seine Herkunft. Der Epilog könnte lauten: Klugsein heißt, der Heimat im rechten Moment den Rücken zu kehren.