Julian
Hanich


Texte zum Kino

“Spun” von Jonas Akerlund (2002)

Warnung: Dieser Film ist frei von jeglicher Handlung. Oder genauer: Was er erzählt, ist völlig belanglos. Dass er dennoch 100 Minuten über die Runden bringt, ohne zu langweilen, dass er meistens sogar verflucht komisch ist, liegt an der großen Kunst des Nichts. Am besten denkt man sich „Spun“ als einen Ecstasy-Trip auf Kokain mit zwischenzeitlichen Marihuana-Chillouts ― wenn sich darunter überhaupt jemand was vorstellen kann.

Von „Trainspotting“ (Danny Boyle) und „Acid House“ (Paul McGuigan) bis „Go“ (Doug Liman) und „Requiem for a Dream“ (Darren Aronofsky) ― der Drogenfilm ist für die jungen Regietalente offensichtlich der Spielwarenladen, in dem sie als kleine Jungs nachts gerne vergessen worden wären. Endlich ungestört mit allem rumspielen und rumfuhrwerken, was rumsteht! Endlich alle Gags und Tricks ausprobieren dürfen, die sonst verboten sind! Der schwedische Videoclip-Regisseur Jonas Akerlund, der unter anderem die Madonna-Songs „Music“ und „American Life“ bebildert hat, ist in seinem Spielfilm-Debüt vielleicht der hyperaktivste aller Regiezöglinge. Wie wildgeworden wirbelt er Zeitraffer-Einstellungen, Parallelhandlungen mit Splitscreen, Detailaufnahmen und extreme Kamerawinkel durcheinander. Wenn sich einer eine Koks-Line gezogen hat, flitzen die Pupillen in Nahaufnahme umher wie Flipperkugeln. Dazu knackst und kratzt es auf der Tonspur. Wie in „Lola rennt“ wird einer der Protagonisten plötzlich in eine Comicwelt aufsaugt ― in der er wüsten Hardcore-Sex erlebt. Und in den Credits bekommt jede Figur ihren eigenen Schrifttypus zugeordnet, als wären sie ihre eigenen Markenartikel.

Akerlunds Welt ist bevölkert von ranzigen Widerlingen und superheißen Prolotussis, die in einer abgefuckten Nachbarschaft irgendwo in Southern California abhängen. Brittany Murphy trippelt mit Stiefeln und Hotpants herum, bei denen man fast ohnmächtig wird. Patrick Fugit („Almost Famous“) verkörpert einen pickeligen Teenie, der mit seiner Tonne von Mutter in einem Wohnwagen lebt, nein: vegetiert. Mena Suvari trägt schmierige Haare, braune Zähne und tiefrote Ringe unter den Augen; ihre Lippen sind trocken wie Schmirgelpapier ― wir erinnern uns, Suvari war mal die amerikanische Schönheit in „American Beauty“. Jason Schwartzman („Rushmore“), der durchgehend an seinen Fingernägeln knabbert, hält in seinem Motelzimmer eine nackte Traumfrau gefesselt. Und Debbie Harry, das alte Blondchen, spielt eine resolute Lederlesbe.

Dazu gibt es ein paar Oberidioten von Bullen, die um einiges dümmer sind als die Polizei erlaubt. Und dann ist da natürlich noch Mickey Rourke, der Held unserer Jugend, der Übervater aller lässigen Hunde. Ja, Mann, der gute alte Mickey. Mit seinem weißen Stetson, den weißen Cowboystiefeln und der weißen Lederjacke mit dem aufgestellten Kragen ist er beinahe so cool wie er lächerlich ist. Und wenn er zur Melodie des „Star-Spangled Banner“ vor der amerikanischen Flagge eine von Kennedy inspirierte Eloge auf die Pussy hält ― dann weiß man, das hier einer das Comeback des Jahres hinlegt. Kurz gesagt: Dieser Film wimmelt von weirdos, die man im 19. Jahrhundert in Käfigen auf Jahrmärkten ausgestellt hätte.

Keine Ahnung mehr, wer das gesagt hat, aber er hat recht: Der White Trash ist heute die einzige Minderheit in den USA, der man es ungestört reinwürgen darf. Nachdem alle anderen minorities mittlerweile weitgehend unter Artenschutz gestellt sind, ist die arme Unterschicht zur beliebten Ersatz-Zielscheibe geworden, auf die man seine Sturmgewehr-Ladungen an Hass abfeuern kann. Das gibt diesem Film eine leicht reaktionäre Note. Andererseits spart sich Akerlund den Zeigefinger des Drogenmoralisten ― was für einen amerikanischen Film schon wieder ziemlich ungewöhnlich ist. Lassen wir’s dabei: „Spun“ ist fun. Mehr gibt’s nicht zu sagen.