Julian
Hanich


Texte zum Kino

Es wird sein Heulen und Zähneklappern
„Sexy Beast“ von Jonathan Glazer (2000)

Allein die Erwähnung seines Namens lässt lächelnde Gesichter zu lächerlichen Fratzen erstarren: „Don Logan!“ Mit einem genüsslichen „Oh yeah!“ des pensionierten Gangsters Gal Dove (Ray Winstone) beginnt der Film. Aber mit dem Auftritt von Ben Kingsleys Don Logan wird Doves schönes Leben zu einem langgezogenen „Oh no!“. Don Logan ─ damit hat der Spaß für Dove ein Ende, aber für uns fängt das Vergnügen erst richtig an.

Gal Dove ist ein träger Gauner, der sich aus dem kalten Londoner Gangstermilieu nach Spanien zurückgezogen hat. Er tut nichts anderes, als am Pool herumzufläzen, in der prallen Sonne zu rösten und abends ein Barbecue zu schmeißen. Hier an der Costa del Sol ist der Himmel blau, die Hazienda schön und seine Frau Deedee (Amanda Redman) im kurzen Kleid ist angenehm sexy. Doch dann rast ein Felsenbrocken den Abhang hinunter, schlägt im Pool ein ─ und nimmt damit die Ankunft Logans vorweg, der wie ein gewaltiger Steinschlag hereinstürzen wird.

Logans Landung in Spanien ist mit dröhnender Hardrock-Musik unterlegt: Gal Doves Ruh’ ist hin. Und sein Herz wird schwer wie ein Felsbrocken, denn Logan will ihn dazu überreden, noch einmal einen Job zu erledigen. Er soll an einem einen Einbruch in die sicherste Bank Europas teilnehmen (der dann zu einem der irrwitzigsten Coups der jüngeren Filmgeschichte gerät). Ein klassisches Motiv des Gangster-Films: Der Protagonist will sich den Fesseln des kriminellen Vorlebens entwinden, doch die Vergangenheit lässt ihn nicht los. Don Logan bricht in das abgeschiedene Landhausleben des Ehepaars ein, wie einst der chilenische Folterer, den Ben Kingsley in Polanskis „Der Tod und das Mädchen“ gespielt hat. Hier wie dort verschiebt Kingsleys Figur das Gleichgewicht der Ruhe in Richtung emotionalen Exzess.

Kinnbart, Glatze und Tätowierung auf dem Unterarm ─ das sind die markanten Merkmale des Don. Es sind Zeichen der lower class und der Härte. Breitbeinig sitzt er da. Der Rücken ist durchgedrückt, als gönnten ihm verkrampfte Muskeln niemals Entspannung. Auf seinem Kahlkopf schwellen die Adern an, wenn er wütend ist. Und manchmal blinzelt er auch nervös oder spricht vor dem Spiegel mit sich selbst wie ein Irrer. Seine Fragen sind wie Dolche, die kurz nach vorne schnellen und dich schmerzhaft durchbohren. Und wenn du ihm widersprichst, mag er das gar nicht. Mit ihm zu reden, ist wie ein Folterverhör der Inquisition: Sag einfach nur das, was er hören will. Und ansonsten ist es sowieso besser, du hältst das Maul.

Don Logan flucht. Er stiert. Er provoziert, indem er auf deinen Badteppich pisst oder vor deinen Augen deine Frau anmacht. Er lügt, betrügt und prügelt wie ein Wildgewordener. Er kann dich wie ein Kätzchen umschnurren und im nächsten Moment wie ein Kampfhund die Zähne fletschen. Ein zähes Männlein ist er, dessen Blicken keiner standhält. Ein schmächtiges Rumpelstilzchen, in dessen Nähe man zitternd zur Zigarette greift. Die Gangster-Psychopaten, die Joe Pesci in „Goodfellas“ und „Casino“ gespielt hat, haben jetzt in ihm einen Verwandten in Großbritannien.

Logan stößt seine Flüche, Invektiven und Verbalausbrüche in einem Rhythmus hervor, der an Sprechgesang erinnert: Ben Kingsley als Gangster-Rapper. Sein Cockney-Dialekt und Unterschicht-Slang sind so unverständlich, dass vermutlich selbst Angehörige der britischen Mittelklasse nach Untertiteln flehen. Und wer mitzählen kann, wie oft er das Wort „fucking“ benutzt, der ist definitiv fucking good.

Ben Kingsley war Mahatma Gandhi und Oskar Schindlers jüdischer Buchhalter. Jetzt ist er der irre Logan Don aus London. Wann hat man zuletzt einen Schauspieler so gegen sein Image besetzt gesehen? Kingsley ist weniger als die Hälfte dieses brutalen, obercoolen Gangster-Films zu sehen, der selbst nicht einmal 90 Minuten dauert. Und doch ist sein Auftritt nachhaltig beängstigend und amüsant zugleich. Kingsley war für die Rolle in „Sexy Beast“ nicht umsonst für den Oscar und den Golden Globe nominiert und hat den Europäischen Filmpreis gewonnen: eine perfekte Parforce-Performance. Der Part des Don ist nur eine Nebenrolle, aber gleichzeitig die Hauptattraktion.