Julian
Hanich


Texte zum Kino

„The Fighter“ von David O. Russell (2010)

Der Beruf des Schauspielers verspricht Unernst, Schein und Illusion. Doch entgegen anders lautenden Gerüchten tragen auch die Darsteller ein Bündel an Verantwortung. Wenn, sagen wir, Christian Bale in die Rolle des ehemaligen Boxers Dicky Eklund schlüpft, dann verkörpert er auf der Leinwand nicht nur dieses real existierende Individuum mit all seinen Macken. Er repräsentiert auch, wofür dieser Dicky Eklund typenhaft steht: die weiße Unterschicht der USA. Besonders drängend wird dieses Darstellungsproblem, wenn ein Film wie David O. Russells „The Fighter“ seine Figuren vor allem über ihre soziale Herkunft charakterisiert. Dann können übertriebene Intonationen, übersteigerte Gesichtsausdrücke, überzogene Gesten karikierend, ja geradezu diffamierend wirken. Der Schauspieler nimmt dann die soziale Schicht, die er verzerrend darstellt, in eine Art stereotypisierende Sippenhaft. Genau das ist dem Schauspiel-Berserker Christian Bale hier fahrlässig unterlaufen. Und darin liegt dann auch ein moralisches Problem dieses Films, über das noch zu sprechen sein wird.

Dabei steht Dicky Eklund zunächst gar nicht im Mittelpunkt der Handlung. „The Fighter“ kreist um die wahre Geschichte von Dickys Halbbruder „Irish“ Micky Ward (Mark Wahlberg), der sich Anfang der neunziger Jahre in Lowell, Massachusetts als Straßenarbeiter über Wasser hält und nebenbei boxend durchs Leben schlägt. In schlecht bezahlten Kämpfen, von seiner Mutter Alice (Melissa Leo) lausig organisiert, verheizt er langsam seine Karriere. Sein Halbbruder und Trainer Dicky, der Sprüche klopfend die eigene Boxvergangenheit glorifiziert, hängt tagsüber in Crack-Höhlen herum. Im Drogennebel verpasst der gewesene Held schon mal einen Trainingstermin – was Mickys Laune nicht beflügelt.

Für Micky wäre es daher Zeit für einen lucky punch. Stattdessen geht er nach einem Schicksalsschlag erstmal auf die Bretter: Als sein Bruder nach einer Prügelei mit der Polizei hinter Gittern landet und Micky die Barkeeperin Charlene (Amy Adams) kennenlernt, bricht er mit der Familie – vorläufig, versteht sich. Wir sind schließlich in einem Hollywood-Film. Und nun? Geht’s tatsächlich sportlich bergauf: Der Underdog fletscht die Zähne und beißt sich durch. Am Ende, soviel sei verraten, kommt es zu einer Wendung, die J.R.R. Tolkien einmal als „Eukatastrophe“ bezeichnet hat: die plötzliche glückliche Fügung einer Geschichte, die einen so freudig durchtränkt, dass einem Tränen in die Augen schießen.

Auch wenn die Box-Szenen in Filmen wie „Raging Bull“ oder „Ali“ schon fesselnder inszeniert waren: Man kann dieses konventionell-packende Familien-Boxer-Drama im „Rocky“-Stil also durchaus genießen. David O. Russell („Three Kings“) und seine Set-Dekorateure ziehen uns gekonnt in das Neuengland-Arbeiterklassen-Milieu der neunziger Jahre mitsamt seinem irisch-gefärbten Akzent und dem derben Witz. Aber ein schaler Nachgeschmack bleibt. Und hier kommen wir nun zurück zu Christian Bale.

Bale ist ja als Schauspieler stets dazu bereit, seine Kollegen an die Wand zu spielen. Auch hier gehen ihm mehrfach die Zügel durch. Er rollt mit den Augen und fuhrwerkt mit der Zunge herum. Er schlängelt die Arme und wackelt mit dem Oberkörper. Und wie schon in „The Machinist“ oder Werner Herzogs „Rescue Dawn“ ist Bale auf Suppenkaspar-Niveau heruntergehungert. Das ausgemergelte Gesicht und die tiefsitzenden Augen verleihen ihm kadaverhafte Züge. All das stellt vor allem eines aus: Ich, Christian Bale, bin ein Schauspieler, der immer bis an die Grenze geht! Im Zweifelsfall nimmt er sich also wichtiger als die Figur. Nun wäre das moralisch nicht weiter schlimm, führte sein Overacting nicht dazu, dass Dicky zur Karikatur einer ganzen sozialen Schicht verkommt. Während der häufig unterschätzte Mark Wahlberg mit ruhigem Spiel der weißen Unterschicht ihre Würde belässt, degradiert Bale sie zum absonderlichen white trash.

Dieser Vorwurf trifft auch Melissa Leo, die mit blondierter Haarspray-Frisur die wilde Micky-Dicky-Mutter gibt: ein krakeelendes Boxer-Luder, das perfekt ins Nachmittagsfernsehen passen würde. Bale und Leo haben übrigens Ende Februar einen Oscar als beste Nebendarsteller in die Hand gedrückt bekommen – was allerdings mehr über die Academy verrät als über die Wahrhaftigkeit der schauspielerischen Leistung.

Meist gibt man dem Regisseur oder dem Drehbuchautor die Schuld für verunglimpfende Stereotypen. In diesem Fall hätten die Darsteller Haltung beweisen müssen. Benennen wir es ruhig mit einem großen Wort: Was hier fehlt, ist eine Ethik des Schauspiels.