Julian
Hanich


Texte zum Kino

Sinn und Sinnlosigkeit
„Perfect Sense“ von David Mackenzie (2011)

Der Virus trifft die Menschheit an empfindlicher Stelle. Eine tiefe Trauer überwältigt die Infizierten. Sie erinnern sich an Menschen, die sie verloren haben, und denken an jene, denen sie Leid zufügten. Und dann ist plötzlich ihr Geruchssinn weg – und die Welt nie wieder mehr, wie sie mal war. Mit dem Geruchssinn verflüchtigt sich die Vergangenheit. Denn unsere Sinne, das ist eine schöne Proustsche Erkenntnis, sind das Elixier der Erinnerung. Doch das ist erst der Anfang der Epidemie. Denn irgendwann beginnen die Opfer mit rasender Gier, Dinge in sich hineinzuschlingen: rohes Fleisch, Blumen, Lippenstifte oder literweise Olivenöl. Ihre Massenkonsumattacke ist ein letztes Aufbäumen. Dann ist auch ihr Geschmacksinn für immer verschwunden. Jeder Virus scheint sinnlos – dieser raubt den Menschen auch noch die Sinne.

Das kann einem Gourmet-Koch wie Michael und seiner Entourage nicht schmecken. Ewan McGregor, der schon immer wie der schönere Bruder von Jamie Oliver aussah, spielt diesen Küchenkünstler mit bekannt liebenswertem Charme. Michael ist ein schottischer Filou, der im Glasgower Nachtleben Frauen um den Finger wickelt – und sie noch in derselben Nacht zu gehen bittet: Michael schafft es einfach nicht, mit Frauen ein Bett zu teilen. Doch als er die ebenso schöne wie kluge, ebenso kühle wie bekümmerte Epidemiologin Susan (Eva Green) trifft, ahnt der Zuschauer, dass Michael seine Angewohnheiten bald überdenken dürfte. Während die Menschheit in Aggression und Hass immer weiter auseinanderzuklaffen droht, kommen sich Michael und Susan langsam näher. Doch auch zwischen diesen modernen Großstadt-Existenzen macht sich die buchstäbliche Sinn-Entleertheit der Welt bemerkbar. Spätestens ab diesem Punkt dürfte klar sein: Der 45-jährige britische Regisseur David Mackenzie („Hallam Foe“) stellt mit „Perfect Sense“ ein paar hochinteressante existenzielle Fragen. Denn welchen Sinn hätte das Leben noch ohne Sinne? Und wenn es keine Sinnlichkeit mehr gäbe, wo bliebe dann die menschliche Nähe?

Mackenzie betritt mit seinem Film ungewohnte Pfade. Bisher machten sich Viren immer in anderen Genres breit. Doch „Perfect Sense“ ist kein apokalyptischer Horrorfilm à la „28 Days Later“ und kein Thriller im Stile von „Contagion“. Auch wer sich an Fernando Meirelles Arthouse-Anstrengung „Die Stadt der Blinden“ erinnert fühlt, in dem ein Virus den Menschen die Sehkraft raubt, begibt sich auf eine falsche Fährte. Denn Mackenzie schlägt zunächst den flotten, wenngleich ein wenig wehmütigen Ton der romantischen Komödie an. Je länger der Film dauert, desto mehr bewegende Untertöne schleichen sich ein. Am Schluss schwillt der Klang zur vollen Inbrunst des Melodrams an. Da bleibt kein Auge trocken. Und die Botschaft? Wird hier nicht verraten. Aber sie ist traurig-schön.