Julian
Hanich


Texte zum Kino

„Paranormal Activity“ von Oren Peli (2007)

 Diese Zahlen sind beinahe überirdisch. Die Produktionskosten lagen angeblich bei 15.000 Dollar. An den amerikanischen Kinokassen hat der Film schon jetzt 104.000.000 Dollar eingespielt. Das entspricht beinahe dem 7.000-fachen seines Budgets. Dabei kommt die internationale Auswertungslawine gerade erst ins Rollen. Der Film heißt „Paranormal Activity“. Und wer abergläubisch ist, wird sagen: Der Titel passt – beim Erfolg muss Übersinnliches im Spiel sein. Wer nicht an paranormale Aktivitäten glaubt, gerät hingegen ins Grübeln. Auch wenn Horrorfilme aufgrund ihrer niedrigen Produktionskosten, kaum vorhandenen Star-Gagen und der verlässlichen Kundschaft seit langem zu den profitabelsten Genres zählen, hat es diese Dimensionen seit dem Sensationserfolg von „The Blair Witch Project“ (1999) nicht mehr gegeben. Anders als beim Vorgänger erklärt sich die Anziehungskraft jedoch weder aus seiner originellen Ästhetik noch aus dem starken Nervenkitzel. Verdrängt man als Zuschauer kurzzeitig die furchteinflößenden Zahlen und den beängstigenden Medienhype, bleibt wenig Unheimliches an diesem Haunted-House-Horror. Aber woher kommt dann der Erfolg?

Auf der Spurensuche stößt man zunächst auf sein ungewöhnliches Marketing.

Der israelisch-amerikanische Regisseur Oren Peli – ein ehemaliger Videospiel-Designer – drehte den Film schon vor zwei Jahren mit einer Digitalvideokamera in seinem Haus in San Diego. Er handelt von einem jungen Paar namens Katie und Micah, das sich in seinem eigenen Heim von einem Dämon bedroht fühlt. Um zu dokumentieren, was sich während ihres Schlafes abspielt, stellen sie Videokameras auf. Türen bewegen sich. Im Treppenhaus rumpelt es. Am Boden finden sich unerklärliche Fußabdrücke. Drehzeit des Films: sieben Tage. Geschnitten: am eigenen Rechner. Es waren so wenige Leute daran beteiligt, dass es nicht einmal einen korrekten Abspann gibt. Ein Home-Movie. Buchstäblich. Anfangs sorgte der Film auf einigen Festivals für erstauntes Geraune und kursierte dann als Geheimtipp in Hollywood. Aber so recht wusste man nicht, was man damit anfangen sollte. Da kam das Paramount-Studio, das den Film in den USA verleiht, auf eine Idee: Über die Internetseite Eventful.com sollten Zuschauer den Film einfordern können. Kämen genügend Stimmen zusammen, würde der Film in ihrer Stadt gezeigt. Auf diese Weise werden normalerweise Musikgruppen in die Gegend gelockt. Nun also: ein Kinofilm.

Der Verleih startete den Film Ende September in dreizehn College-Städten, wo traditionsgemäß eine hohe Dichte an jungen Horrorfans zu erwarten ist. Über positive Mundpropaganda und Twitter-Nachrichten animiert, forderten immer mehr Konsumenten den Film im Netz für ihre Stadt ein. Schritt für Schritt erhöhte Paramount die Kopienzahl. Mitte Oktober schließlich kam „Paranormal Activity“ landesweit heraus – und kletterte bis auf Platz 1. Über den Erfolg des Films wurde also nicht erst, wie man so gerne sagt, an der Kinokasse abgestimmt. Auf die Gewinnspur brachten die Zuschauer den Film schon durch ihre Onlinewahl. So haben unerwartete Festivalerfolge, Branchengerüchte und ein geschicktes Marketing ein mediales Ereignis hervorgezaubert, an dem plötzlich in den USA kaum mehr jemand vorbeizukommen scheint: Wer am Kaffeeautomat oder im Internetforum mitreden will, muss den Film gesehen haben.

Aber reicht das aus als Begründung für den immensen Erfolg? Vielleicht gibt es auch eine kulturelle Erklärung, die „Paranormal Activity“ nicht zum puren Hype-Phänomen herabstuft, sondern den Erfolg im Film selbst sucht. Man könnte nämlich durchaus darüber spekulieren, ob der Plot nicht eine wabernde Angst der amerikanischen Mittelschicht auf den Punkt bringt: Es ist die Angst der Immobilien-Krise, von den Gläubigerdämonen in den eigenen vier Wänden heimgesucht zu werden. Auch wenn der Film schon 2007 gedreht wurde – er trifft gerade jetzt auf ein Land, in dem Zwangsvollstreckungen allenthalben den großen amerikanischen Traum vom Eigenheim zerstören. Verdient nicht Micah, in dessen Haus der Dämon einzudringen versucht, sein Geld als day-trader, also als Spekulant? Leben Micah und Katie nicht genau jenes typische Suburbia-Leben, das von der Subprime-Hypotheken-Krise besonders betroffen ist? Sieht man Genrefilme als sinnstiftende Erzählungen, die aktuelle Probleme artikulieren und dadurch zu bewältigen helfen, hat „Paranormal Activity“ für viele amerikanische Zuschauer eine lindernde Wirkung: Das Horrorpublikum spielt die Realängste im Reich des Imaginären durch – und bekommt sie dadurch halbwegs unter Kontrolle.

Vielleicht drückt sich im Erfolg dieses Films aber auch nur das flehentliche Verlangen seines Publikums aus: Erzählt uns endlich wieder einfache Schauergeschichten! Übersättigt von den Gewaltorgien der „Saw“-Filme und den 3D-Computereffektexzessen à la „My Bloody Valentine“, votiert das Publikum mit seiner Kinokarte für den unpolierten Grusel – auch wenn er so ungelenk daherkommt wie in „Paranormal Activity“. An den entscheidenden Wendepunkten in der Geschichte des amerikanischen Horrorfilms stehen schmutzige Low-Budget-Filme: von „The Night of the Living Dead“ (1968) und „The Texas Chainsaw Massacre“ (1974) über „The Evil Dead“ (1981) bis „The Blair Witch Project“. Zwar machte schon eine Berliner Preview in der vergangenen Woche klar:  Der harmlose Spuk von „Paranormal Activity“ passt nicht in diese Ahnenreihe. Das junge Publikum murrte, rief sarkastisch dazwischen, verlachte den Film. Hier wird ein Miniprojekt, das unter normalen Umständen Respekt verdient hätte, vom Gewicht der geweckten Erwartungen erdrückt. Dennoch könnte sich der unverhältnismäßige Erfolg für die Genrefans noch als Segen erweisen. Ein Mitproduzent von „Paranormal Activity“ sagte der „Los Angeles Times“: „Der Film beweist, wie man mit weniger mehr macht.“ Das klingt wie ein Versprechen.