Julian
Hanich


Texte zum Kino

Schein oder Nicht-Schein?
„Interview“ von Steve Buscemi (2007)

Es wird ein hitziger Abend, soviel steht fest. Auf der einen Seite: der Journalist Pierre Peters (Steve Buscemi), etwas abgehalftert und miserabel vorbereitet. In der Selbstwahrnehmung ein seriöser Politikredakteur, der mit Klatsch und Kladderadatsch nichts am Hut hat. Auf der anderen Seite: das superblonde Soap-Opera-Sternchen Katya (Sienna Miller), aufgedreht und völlig verspätet. Sie kompensiert ihre vulgär ausgestellte Oberflächlichkeit mit einem ausgeprägten Hang zur Profilneurose. Der Grund ihres Treffens: ein Interview. Angesichts der Umstände kaum verwunderlich, dass das Gespräch beinahe platzt. Doch irgendwie landen die beiden in Katyas New Yorker Riesenloft, wo auch noch die gemeinsamen Freunde Alkohol, Nikotin und Kokain hinzustoßen. Damit sind die Fronten geklärt. Das hochgradig intensive Kammerspiel kann beginnen. Nicht ausgeschlossen dabei: radikale Stimmungsumschwünge zwischen verbalen Erniedrigungen und intimen Geständnissen, zwischen Momenten der Zärtlichkeit und hysterischen Ausbrüchen.

Mal belauern sich die beiden, fletschen die Zähne und verkrallen sich ineinander wie zwei Wölfe, die ihr Terrain abstecken. Mal beschnuppern sie sich wie Hund und läufige Hündin, die in ein Verführungsvorspiel verwickelt sind, das ihre Lefzen vor Geilheit triefen lässt. So scheint es zumindest. Aber: Schein oder Nicht-Schein? – das ist genau die Frage. Denn dieser bissige Kampf der Geschlechter, dieses beißende Generationengefecht dreht sich letztlich vor allem um eins: Was ist authentisch an uns und was nur fake? Es geht um die Masken, die wir aufsetzen, um als Journalist an Informationen zu kommen und als Mann der Frau an die Wäsche zu dürfen. Es geht um die Gefühle, die wir als Schauspielerin strategisch entblößen, um ins Rampenlicht gerückt zu werden und die wir als Frau verbergen, um mit den Grapschern spielen zu können. Es geht also auch um die Verflechtung von öffentlich und privat, von Voyeurismus und Exhibitionstrieb. Nicht ohne Grund beginnt der Film mit einer Einstellung aus einer Überwachungskamera.

Steve Buscemis fulminanter Film ist ein Remake. Das Original stammt von Theo van Gogh. Der umstrittene niederländische Filmemacher hatte es 2003 fertiggestellt, ein Jahr bevor er in Amsterdam ermordet wurde. Buscemi macht keinen Hehl daraus, wem seine Inspiration geschuldet ist. Einmal sieht man ein Foto van Goghs auf dem Schreibtisch stehen. Ein andermal taucht ein Autogrammsammler namens Theo auf. Der Film verneigt sich vor van Gogh – und ist als daher durchaus als politisches Statement für Meinungsfreiheit und unbequemes Künstlertum zu verstehen. Aber obwohl sich Buscemi eng ans Originaldrehbuch hält und auch stilistisch nah an der Vorlage bleibt, setzt sein Film die Schwerpunkte dann doch ein wenig anders.

Van Gogh hatte den Grenzzaun, der die Fiktion von der Realität trennt, einfach platt gewalzt. Die berühmte Soap-Darstellerin Katja Schuurman spielte sich selbst. Schauplatz war ihre eigene Wohnung. Van Gogh wurde im Film namentlich erwähnt. Buscemi zieht sich wieder stärker ins fiktionale Terrain zurück. Gleichzeitig kehrt er deutlich die satirische Seite nach außen und beschleunigt das Dialogtempo auf Screwball-Niveau, was den Film unterhaltsamer und nicht ganz so desillusioniert macht. Den größten Gag aber schlägt der Regisseur Buscemi aus seinem Ruf als Schauspieler. Es ist schon ziemlich komisch, wenn sich die aufreizende Sienna Miller, immerhin Ex-Freundin des schönen Jude Law, ausgerechnet an Buscemi heranmacht, der als hässlichster Hund Hollywoods gilt. Aber das ist jetzt vielleicht doch zu sehr nach äußerem Schein geurteilt. Und zu nah am Klatsch.