Julian
Hanich


Texte zum Kino

Der Wille zur Macht

“Gangster No. 1″ von Paul McGuigan (2000)

Eines Tages wird der junge Mann ohne Namen aus einer Billardspelunke geholt. Er wird hinauf in ein Luxusapartment beordert, wo er zum erstenmal mit dem großen Freddie Mays (David Thewlis) zusammen trifft. Mays, der glamouröse Star der englischen Gangsterwelt, rekrutiert den jungen Mann für seine Gang. Er muß sich neue Kleidung besorgen, die langen Haare werden gekürzt. Ein neues Leben fängt an, der Aufstieg beginnt. Ganz schnell geht das.

„Oh, the good life, full of fun, seems to be the ideal…“ Wir sind im London des Jahres 1968. Ein Leben voller Spaß und Gewalt. Und der junge Gangster ist immer vorne dabei — loyal, brutal, asozial. Er bewundert Freddies Symbole des Wohlstands und der Macht: die Anzüge, die Autos, das Apartment. Doch vor allem bewundert er Freddie selbst, ja man könnte fast sagen: Er begehrt ihn. Es ist ein stummes Verlangen, subtil, fast unkenntlich. Doch es ist immer da. Bis eine Frau dazwischen tritt. Freddie verliebt sich in Karen (Saffron Burrows), die eine Figur hat wie Twiggy damals und die den jungen Gangster aus Freddies Nähe verdrängt. Es muß Neid sein auf das Liebesglück oder Eifersucht auf Karen. Jedenfalls weiß man von da an: Es wird bald nur noch einen geben.

Machtgier macht gieriger und gieriger, Ehrgeiz läßt das Gewissen erkalten. Der Film erzählt mit horrender Intensität vom tierhaften Trieb zur Herrschaft. Zweimal bricht der junge Gangster unvermittelt in einen schrillen, beänstigenden Schrei aus, den Mund aufgerissen, die Zähne gefletscht. Es ist der kreatürliche Schrei aus den von Eisenstein inspirierten Bildern des Malers Francis Bacon: der Mensch als nietzscheanisches Raubtier. Schon in der Titelsequenz bekämpfen sich zwei Boxer im Ring. Mann gegen Mann. Einer muß gewinnen.

Der Film ist auch eine Studie über instabile Identität. Immer wieder verweisen Spiegelungen, gesplittete, manchmal zerberstende Bilder auf Persönlichkeitsprobleme. Es ist die Geschichte eines Mannes, der nie einen Namen erhält; dessen homoerotische Gefühle verdrängt sind; der sich selbst verwandelt und in die Existenz eines anderen schlüpfen will. Als Emblem dafür steht die Krawattennadel mit den Initialen von Freddie Mays, die der junge Gangster übernimmt und stolz bei sich trägt. Auch als der Film dreißig Jahre nach vorne in die Gegenwart springt, steckt die Nadel noch an seiner Krawatte. Der Gangster bewohnt die selbe Wohnung mit der selben Einrichtung. Für ihn ist die Welt stehen geblieben. Oder besser: Er hat es sich in der Rolle von Freddie Mays bequem gemacht in Erinnerungen an die alte Zeit.

Vor zwei Jahren hat der Brite Paul McGuigan aus Geschichten von Irvine Welsh das Triptychon „The Acid House“ arrangiert. Eine Spielerei war das, ein wenig kindisch. Auch in seinem zweiten Spielfilm „Gangster No. 1“ benützt er eine literatische Vorlage, das gleichnamige Drama von Louis Mellis und David Scinto. Doch diesmal ist ein viel reiferer Film heraus gekommen. Der Film hat nur ein Problem, ein Problem, das eigentlich eine Attraktion sein sollte: die Rückkehr Malcolm McDowells. McDowell, der einst den Alex in „A Clockwork Orange“ gespielt hat und von dem lange nichts Vernünftiges zu sehen war, teilt sich die Rolle der Hauptfigur mit Paul Bettany. Bettany als junger, McDowell als gealterter Gangster. Ein Schauspielervergleich. Mann gegen Mann. McDowells overacting verliert.