Julian
Hanich


Texte zum Kino

Das weite Land
„Kekexili – Mountain Patrol“ von Lu Chuan (2004)

Die Geier ziehen ihre Bahnen über dem weiten Land. Der Wind peitscht wütend über die Steppe, die sich kahl in die Ferne zieht. Im Hintergrund türmen sich die Berge, mächtig und erhaben. Eine Gruppe Männer mit wettergegerbten Gesichtern kämpft sich durch diese unwirtliche Landschaft. Sie sind bewaffnet mit Gewehren, auf der Jagd nach Menschen. Man könnte sie Öko-Milizen nennen, denn ihr Ziel ist es, skrupellose Antilopen-Jäger zu stellen. Eingehüllt in dicke Mäntel und bekleidet mit klobigen Stiefeln treiben sie die Tierschänder fest entschlossen vor sich her. Die Jagd wird sie durch Schnee und Matsch und Treibsand führen, durch den wilden Westen von China. Die verschworene Männergemeinschaft – Frauen kommen in diesem Film beinahe überhaupt nicht vor – unterstehen dem charismatischen Anführer Ri Tai (Duo Bujie), der seine Macht aus seiner Aura bezieht und weniger aus seinen spärlichen Worten. Der Journalist Ga Yu (Zhang Lei) hat sich ihm angeschlossen. Er ist hierher, in die entfernte Region Kekexili, gereist, um zu dokumentieren, was vor sich geht: Auf beinahe 5000 Metern über dem Meeresspiegel fechten Jäger und Gejagte einen Kampf aus, in dem es um viel mehr zu gehen scheint als die vom aussterben bedrohten tibetischen Antilopen. Es ist ein Kampf zwischen Menschen, die im Boden verwurzelt sind und solchen, die ihr Naturbewusstsein für eine Handvoll Yuan verscherbeln.

Der 34-jährige Regisseur Lu Chuan („Missing Gun“) führt uns in seinem zweiten Film ein China-Bild vor Augen, das in den letzten Jahren von der bewundernden Beschwörung der turbokapitalistischen Boomstädte des Ostens verdrängt worden war. Es ist ein Bild, das so archaisch und fremd wirkt, dass man es einer vergangenen Zeit verpflichtet glaubt. Dem ist nicht so: Der Film spielt in den 90er Jahren und beruht auf Tatsachenberichten. Insofern tut man gut daran, sich zu erinnern, dass die Modernisierung mitnichten ganz China mitgerissen hat. Kekexili, eine Region, die zu den geringstbesiedelten der Erde zählt, blieb davon zu großen Teilen unberührt.

Mit bestechend klaren Bildern und geschickt bearbeiteter Tonspur verbreitet Lu Chuan ein fröstelndes Naturgefühl. Selten haben Bilder soviel Witterung in den Kinosaal getragen. Dabei ist „Kekexili“ gleichzeitig so stringent und mitreißend erzählt, dass man als Zuschauer eine entscheidende Frage zeitweilig völlig vergisst: Warum setzen die beiden Gruppen eigentlich ihr Leben für eine Antilopenart auf Spiel? Weil der Film die Antwort ausspart und auch sonst auf Figurenpsychologie weitgehend verzichtet, kommt man um den Eindruck nicht herum, es mit einer Parabel zu tun zu haben. Die umkämpften Antilopen stehen für die Natur an sich, die in horrendem Tempo der modernisierenden Zerstörung zum Opfer fällt. Muss man noch darauf hinweisen, dass die Umweltvernichtung eines 1,3-Milliarden-Volkes ein globales Problem darstellt? So gesehen, ist „Kekexili“ keine esoterische Reportage aus dem Hinterland des fernen Ostens, sondern ein Actionfilm von planetarischen Ausmaßen.