Julian
Hanich


Texte zum Kino

“Sleuth“ von Kenneth Branagh (2007)

Man sollte Beschwerde einlegen. Sich empört an die Obrigkeiten wenden. Oder gleich bei einer Polizeiwache vorbeigehen und Anzeige erstatten wegen Vorspiegelung falscher Tatsachen. Denn dieser Film erfüllt den Tatbestand der Täuschung, nachzulesen im § 263 des Strafgesetzbuches. Konditioniert auf freundliche Fernsehkrimis, bei denen man sich nach etwa 14 Minuten behaglich in den Sessel zurücklehnen kann, weil das Ende bereits absehbar ist, konfrontiert einen dieser dreiste Film plötzlich mit unerwarteten Plotwendungen und Handlungsfinten aus dem Nichts. Aber so nicht, meine Herren! Wäre ja noch schöner, wenn Krimis plötzlich ungestraft wieder die Ungewissheit einführen, ja den Zuschauer gar zum Miträtseln anregen dürften.

Andererseits: War da nicht mal was? Ging es im Kriminalfilm nicht genau darum: Täuschung, Illusion, das Vorspielen falscher Tatsachen? Überrascht nimmt man zur Kenntnis, dass es so etwas noch gibt. Kenneth Branaghs „1 Mord für 2“ ist feinste englische Krimi-Schule. Ein Kammerspiel − oder sagen wir besser: ein Landhaus-Spiel − mit zwei Männern, die sich in brisante Wortduelle verstricken, um dann feierlich zu boshafteren Praktiken überzugehen. Am Ende steht viel Bedeutenderes auf dem Spiel als Leben und Tod: die männliche Eitelkeit. Auf der einen Seite des Spielfeldes nimmt der erfolgreiche Krimi-Autor Andrew Wyke (Michael Caine) Platz. Seit Narziss im eigenen Spiegelbild ertrunken ist, waren wenige Männer verliebter in sich selbst als dieser mondäne Ästhet. Äußerlich leicht tattrig, hält sich Wyke nicht nur für ein Genie, sondern sogar für einen großen Liebhaber. Auf der anderen Seite steht der Schauspieler Milo Tindle (Jude Law): jung, hübsch, gewandt. Er besitzt die Frechheit, in eine Affäre mit Wykes Gattin verwickelt zu sein. Eine gefährliche Liebschaft, wie sich herausstellt, denn Wyke is not amused. Deshalb hat er Tindle in sein Landhaus eingeladen, das ebenso unterkühlt eingerichtet wie es auf elektronischen Schnickschnack ausgerichtet ist. Das Schuss- und Gegenschuss-Duell der beiden wird zur Feier des englischen Sportsgeistes, wenngleich Fairplay nicht zu den ersten Tugenden von Wyke und Tindle gehört. „Der kürzeste Weg ins Herz eines Mannes ist, wie Sie wissen, die Demütigung“, erklärt Wyke seinem Spielgefährten. Und nach dieser Regel verfahren die beiden dann auch. Schriftsteller gegen Schauspieler: Zwei kreative Fähigkeiten belauern sich hier, die in einem Zweikampf der Gemeinheiten durchaus hilfreich sein können − die Fantasie und das So-tun-als-Ob.

Branaghs „1 Mord für 2“ (im englischen Orginal: „Sleuth“) ist ein Remake von Joseph L. Mankiewiczs „Mord mit kleinen Fehlern“ (im englischen Original? „Sleuth). Damals spielte Laurence Olivier die Rolle von Michael Caine, und Caine war in der Rolle zu sehen, die jetzt Jude Law übernimmt. Betrachtet man die beiden Filme hintereinander, stechen darin nicht nur Gefechte exzentrischer Filmfiguren ins Auge − es drängen sich auch famose Duelle verschiedener Schauspieler-Generationen auf. Branagh hat die 138 Minuten des Originals auf 86 Minuten heruntergekürzt. Dadurch gewinnt sein Film an Tempo und Spannung, verliert aber die wunderbar grotesken Untertöne. Und abgesehen davon, dass sich das letzte Viertel deutlich unterscheidet, wird in der Drehbuch-Überarbeitung von Harold Pinter auch der Klassengegensatz zwischen snobistischer Upper Class und Aufsteigertum entkräftet. Dafür bekommt der homo ludens homoerotische Züge und das garst’ge Spiel der beiden Männer wirkt nicht selten wie ein lüsternes Vorspiel.

Darüber hinaus treiben Branagh und Pinter ein subtiles Versteckspiel. Am Anfang führt Wyke seinen Nebenbuhler in ein Kabinett, in dem seine eignen literarischen Werke ausgestellt sind: „Blackout“, „Toter Fisch“, „Die Ratte in der Falle“… All diese Titel tauchen im Laufe der Handlung irgendwann wieder auf. Wo? Der Zuschauer muss schon genau hinschauen. Und dabei auch noch mitdenken. Ein braver Fernsehkrimi sieht anders aus.