Julian
Hanich


Texte zum Kino

“The Bucket List” von Rob Reiner (2007)

Zwei Männer begegnen sich im Krankenhausbett: beide alt, beide todkrank, beide unterschiedlich wie Tag und Nacht. Der eine ist ein weiser, treuer, gutmütiger Familienmensch mit dunkler Haut, graumeliertem Haar und dem warmherzigsten Lächeln des uns bekannten Universums. Er wird konsequenterweise von Morgan Freeman gespielt, dem Kofi Annan des Hollywood-Kinos. Der andere ist ein weißer, untreuer, steinreicher Bonvivant mit Tendenz zum knorrigen Arschloch. Mit ebenso großer Folgerichtigkeit wird diese Rolle von Jack Nicholson verkörpert, den man als den Nicolas Sarkozy unter den Macht- und Prachtkerlen des amerikanischen Filmgeschäfts bezeichnen könnte. Man liegt also nicht ganz falsch, wenn man Rob Reiners neuer Komödie „Das Beste kommt zum Schluss“ einen Hang zur Schwarz-Weiß-Malerei unterstellt. Das muss aber noch kein Fehler sein muss. Denn der Witz der Komödie beruht ja gerade auf dem Prinzip, dass sie überzeichnet und dabei zusammen zwingt, was nicht zusammen gehört.

Verwundert es uns daher, wenn die beiden Bettnachbarn im Laufe des Films zu besten Buddies werden? Statt sich in depressive Innerlichkeit zu verkriechen oder den spirituellen Weg einzuschlagen, geben sich die beiden auf ihre letzten Tage noch einmal den freudigsten Seiten des Tourismus hin und reisen mit dem Privatjet in, sagen wir, 18 Tagen um die Welt. Sie preschen mit dem Jeep durch die Serengeti. Sie bestaunen das Wunderwerk des Taj Mahal. Sie lassen sich auf den Himalaja fliegen, der Krone der Welt. Und wie zwei easy riders rasen sie auf dem Motorrad über die chinesische Mauer mit dem Canned-Heat-Song „On the Road Again“ im Rücken. Noch einmal ganz hedonistisch die letzten Tropfen Lebenssaft genießen, während der Tod schon seine Sense wetzt – warum eigentlich nicht? Auch wenn die Glaubwürdigkeit dabei zum Opfer fällt, springen für den Zuschauer immerhin ein paar atemberaubende Postkarten-Panoramas heraus (Kamera: John Schwartzman).

Was man Rob Reiners Schwarz-Weiß-Malerei dann aber doch vorhalten muss, ist der unbedingte Wille zum Vorhersagbaren, zum Konservativen, zum Sentimentalen. Die meisten guten Komödien gehorchen den Prinzipien des Anarchismus: Die Hierarchien zwischen Ding und Mensch brechen zusammen; Konventionen werden über Bord geworfen; das größtmögliche Chaos bedeutet zugleich größtmögliche Freiheit. Man denke an „Der Partyschreck“ (1968), „Is’ was, Doc?“ (1972) oder die Filme von Buster Keaton. Bei Rob Reiner bewegt sich hingegen alles auf bewährten Gleisen und mündet am Schluss sogar in Rührseligkeit. Konservative Familienwerte werden hochgehalten. Der Glaube an das Gute kehrt zurück. Und auch wenn es am Ende nicht weiterhilft: Dem Tod wird so lange es geht – gut kapitalistisch – mit Konsum getrotzt. Selbst mit der Besetzung geht der Film auf Nummer Sicher. Wäre es nicht viel frecher gewesen, die Rollen genau anders herum zu verteilen? Morgan Freeman als lüsterner grumpy old man – das wäre doch mal was. Der mittlerweile 60-jährige Rob Reiner, der in „Harry und Sally“ (1989) einst den aufregendsten Orgasmus jenseits des Porno-Genres inszeniert hat, ist brav geworden.