Julian
Hanich


Texte zum Kino

“Factotum” von Bent Hamer (2005)

Wenn man es sich genau überlegt, hat das Leben einen großen Nachteil: Man muss es durchstehen, bis zum bitteren Ende. Joseph Conrad hat es einmal so ausgedrückt: „Eine seltsame Sache, das Leben ─ diese geheimnisvolle Anordnung gnadenloser Logik für ein nichtiges Ziel.“

Der Ausdruck Faktotum bedeutet soviel wie „vielseitig verwendbare Hilfskraft“. Das ist im Fall von Henri Chinaski eher ironisch zu verstehen. Der Kerl macht zwar vieles – zu gebrauchen ist er nicht. Was immer er auch anpackt, nach kurzer Zeit verliert er Lust und Geduld. Zu seiner Ehrenrettung muss man dazusagen, dass er sich mit Jobs wie Ersatzteilsortierer, Fließbandarbeiter in einer Sauregurkenfabrik oder Statuenabstauber über Wasser hält. Insofern kann man schon verstehen, dass Pferdewetten, literweise Lambrusco und vier Ficks am Tag mehr Anziehungskraft auf ihn ausüben. Manchmal streicht er zur Abwechslung einem Weibsbild ein paar über. Aber das ist dann auch schon Anstrengung genug. Und, ach ja, er schreibt. Chinaski ist ein verkrachter Poet, der es sich eingerichtet hat in seinem beschädigten Herumlümmelleben. Mit linker Hand kritzelt er auf billiges Papier und versucht so, das nichtige Ziel des Lebens zu begreifen.

Matt Dillon spielt diesen Hank Chinaski, das Alter Ego des Erzählers und Lyrikers Charles Bukowski, auf dessen gleichnamigem Roman der Film „Factotum“ basiert. Wer beim Gedanken an Bukowski Mickey Rourke in „Barfly“ (1987) vor Augen hat, wird sich wundern: Dillon ist weniger versifft und kaputt; seine Hemden sind sauberer, die Zähne weißer und seine Haare hängen auch nicht so strähnig herunter. Statt des verlumpten Helden der Gosse, sehen wir einen ungewaschenen Hängertyp, der dem Gesetz der Trägheit gehorcht. Dillon macht das sehr gekonnt. Er schleppt sich durch den Film, als trüge er Bleiklamotten. Seine im Laufe der Jahre stiernackig gewordene Statur verleiht Chinaski zusätzlich ein paar Pfund innere Schwere. Ihm zur Seite steht die immer wieder beeindruckende Lili Taylor, die mit ihrer nuttigen Wodka-Stimme die Sätze mehr geräuschvoll keucht als spricht. Besonders fest im Leben steht sie nicht, mit ihren wackligen Beinen. Der bullige Dillon und Taylor, die Schlampe – eine ungewöhnliche amour fou, die der Paarung Mickey-Rourke-Faye-Dunaway aus „Barfly“ keineswegs nachsteht.

Dillon und Taylor vagabundieren durch eine Welt, der die festverankerte Mitte fehlt, die nur aus Alltagsepisoden besteht und in der nicht nur die Jobs sondern auch die Bekanntschaften nach dem Hire-and-Fire-Prinzip gehandhabt werden (in einer Nebenrolle wird die Oscar-Preisträgerin Marisa Tomei durch den Film geschleust). Chinaski lässt sich von all dem nicht aus der Ruhe bringen. Das hat bei ihm aber nichts mit Style und Coolness zu tun, sondern eher mit einer trotzigen Gleichgültigkeit gegenüber dem zähen Brei namens Leben. Wenn es nachts im Haus brennt, schlurft er aus dem Bett, sieht nach und legt sich dann wieder schlafen: „Ist nur die Feuerwehr.“ Und wenn er mal wieder beim Kotzen war, geht er danach zum Kühlschrank und greift nach ’nem Bier. Für einen Mann des Wortes, ist er nicht viel gesprächiger als Buster Keaton in seinen tragikomischen Momenten.

Diese Lakonik und Trägheit wirken ungewöhnlich im amerikanischen Kino. Der Regisseur Bent Hamer, der schon mit „Kitchen Stories“ Humor bewiesen hat, stammt aus Norwegen. In diesem Land kommen Armut und soziale Spannungen so häufig vor wie Wüstensand. Das mag ein Grund dafür sein, warum Hamer keine existentiellen Gräben aufreißt, sondern lieber mit wohltemperierter Situationskomik und trockenen Sprüchen arbeitet. Das macht „Factotum“ zu einem Film, der zwar genauso ereignisarm wie Chinaskis Leben daherkommt, dafür aber um einiges witziger.