Julian
Hanich


Texte zum Kino

Der Verdacht
“Fremder Freund” von Elmar Fischer (2003)

Er heißt Yunes. Yunes Al Rana. Ein arabischer Name. Macht ihn das schon verdächtig? Er ist Student aus dem Jemen, freundlich, gutaussehend, höflich. Sollte man vielleicht misstrauisch sein? Er spricht akzentfreies Deutsch und hat einmal ein Praktikum im Sudan gemacht. Sind die Terroristen-Vorurteile schon geweckt? Er heißt Yunes. Yunes Al Rana. Ein Araber! Natürlich ist er aufbrausend, emotional und brüllt seine Freundin an, na klar. Aber halt: Könnte es vielleicht damit zu tun haben, dass seine Freundin ihn betrogen hat? Er tritt in eine Islam AG ein, typisch, und lässt sich einen Vollbart wachsen. Moment: Darf man so was nicht? Dann reißt er plötzlich nach Pakistan, um dort ein zweites Praktikum zu machen ― aber sicher plant er dort ganz andere Dinge. Entschuldigung: Würde man das einem Deutschen auch unterstellen? Dieser Film wirft Fragen auf. Es ist kein einfacher Film.

Es beginnt mit einer kurzen Begegnung. Im türkischen Supermarkt steht Chris (Antonio Wannek) ratlos an der Gefriertruhe, bis ihm Yunes weiterhilft. Dann sieht er wie Yunes einen Zettel aufhängt: Er sucht einen Platz in einer WG. In der dritten Einstellung ziehen sie bereits zusammen. Einfach und prägnant ist das inszeniert. Yunes und Chris freunden sich an. Leidenschaftlich. Und ohne Vorurteile.

Doch dann kommt der 11. September. Man sieht Hochhäuser einstürzen, Menschen fliehen, Angst um sich greifen. Die Sprengkraft der Fernsehbilder detoniert auch in den Köpfen von Chris und seiner Freundin Julia (Mina Tander). Während sie vor dem Fernseher sitzen und fassungslos die Katastrophenbilder verfolgen, bringen die Attentate allmählich ihre Wahrnehmung von Yunes zum Wanken. Gäbe es den 11. September in diesem Film nicht, „Fremder Freund“ wäre eine hervorragend gespielte Geschichte um Freundschaft und Liebe geworden. So wird der Film zu einer Reflexion über die stereotypisierte Wahrnehmung des Fremden.

„Ich habe einen schrecklichen Verdacht, für den ich mich schäme,“ sagt Chris. Er sagt es zweimal in diesem Film. Ihn zerfrisst das Misstrauen, dass Yunes ein „Schläfer“ gewesen sein könnte, der nun als mörderischer Attentäter erwacht ist. Er wird geplagt vom fiebrigen Verdacht, der nach dem 11. September in der westlichen Welt grassierte und der alle Muslime in religiöse Sippenhaftung nehmen wollte. Regisseur Elmar Fischer verwickelt den Zuschauer selbst in dieses Misstrauen ― ein Misstrauen, das entsteht, wenn man Individuen ausnahmslos als Produkt ihrer Kultur wahrnimmt: Ein Araber ist ein Araber ist ein Araber.

Der Film stellt die Paranoia vor dem Fremden in den Mittelpunkt, die sich eingenistet hat in den Köpfen. Da am Ende unklar ist, ob Yunes tatsächlich als Terrorist abgetaucht ist, scheint diese Angst bestätigt und das Stereotyp gefüttert: Alle Muslime sind potentielle Gefahrquellen. Das kann man dem Film vorwerfen ― und Mark Siemons hat es mit einer heftigen Attacke in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ bereits getan. Doch wer so argumentiert, den hat die emotionale Strategie des Films kalt gelassen. Und er hat die andere Lesart des Films übersehen.

Aber dafür muss man sich zunächst auf die filmische Wirkungsästhetik einlassen, mit der Elmar Fischer und sein Drehbuchautor Tobias Kniebe in ihrem Debütfilm arbeiten. Indem sie den Film mit Ellipsen durchlöchern, Erklärungen vermeiden und den Plot nicht linear ausrollen, sondern hin und her hüpfen in der Zeit, indem sie die Tonspur immer wieder mit einem unheimlichen Pfeifen unterlegen, schleicht sich auch beim Zuschauer ―ähnlich wie bei Chris ― ein Gefühl der Desorientierung und Verunsicherung ein.

Doch gleichzeitig stellt der Film Yunes von Anfang an als Sympathieträger dar. Er ist das emotionale Gravitationsfeld, dass unser Mitgefühl anzieht. Yunes liebt und heult und wütet. Er ist melancholisch und euphorisch. Und seine Liebesgeschichte mit der bildschönen Nora (Mavie Hörbiger) ist so herzergreifend wie nur weniges im deutschen Kino des vergangenen Jahres. Er wird diskriminiert mit den Instrumenten des alltäglichen Rassismus in Deutschland. Einmal sagt er, er habe Dinge gesehen, die niemand sehen wolle. Manchmal verstehen wir ihn nicht ― seine Beweggründe sind bewusst offen gehalten. Man kann diese Lücken mit kulturellen Erklärungen füllen, sie als „typische“ Verhaltensweise eines Arabers oder Muslimen abtun. Man kann sie aber auch als persönliche Krise deuten, von jemandem der traumatisiert wurde, der Liebeskummer hat, der in der Fremde in Probleme geraten ist. Als Yunes eines Tages verschwunden ist, heult Chris ihm bittere Männertränen hinterher. Sein Verschwinden wird als tiefer Verlust empfunden.

Indem uns der Film die Verunsicherung aufzwingt und uns gleichzeitig Yunes ans Herz wachsen lässt, werden wir emotional hin und hergerissen zwischen Stereotypisierung und Empathie. Was folgt ― und das kann man getrost als das Ziel des Films bezeichnen ―, ist ein Akt der Selbstreflexion. Im besten Fall fragt sich der Zuschauer nämlich, ob er nicht selbst in die Falle des Dämonisierens tappt. Warum unterstellt man einem jungen Jemeniten eine mörderische Tendenz, bloß weil er eine orthodoxe Form des Glaubens entdeckt? Warum wird als Terrorist verdächtigt, wer die Politik Israels kritisiert? „Zur Zeit ist jeder schuldig, der Mohammed, Mustafa oder Ali heißt“, wehrt sich Chris einmal zu Recht gegen seinen nagenden Verdacht. Wer Yunes, diese komplexe Filmfigur, nur auf seine kulturelle Zeichen hin versteht, macht den gleichen Fehler wie Julia, die den Samen des Misstrauens sät, und wie Chris, bei dem er aufzugehen scheint. Doch das ist genau die Taktik dieses klugen und subtilen Films: Am Ende hat auch der Zuschauer einen schrecklichen Verdacht ― und für den beginnt er sich selbst zu schämen.