Julian
Hanich


Texte zum Kino

„Love Exposure“ von Sion Sono (2008)

Was für ein Film! Als Sion Sonos „Love Exposure“ im Februar das „Forum“ der Berlinale eröffnete, rieb sich das verdutzte Publikum die Augen – und mancher Zuschauer auch sein Sitzfleisch. 237 Minuten dauert dieser Film. Und was sich in dieser Zeit auf der Leinwand abspielt, lässt sich kaum in eine gewöhnliche Inhaltsangabe packen. Der 47–jährige japanische Regisseur erzählt von der amour fou der beiden Teenager Yu und Yoko, von der skurrilen Beziehung von Yus Vater und Yokos Stiefmutter, von dysfunktionalen Familien und Jugendgangs, von Katholizismus und wilden Sekten, von Schuld und Sühne, von Voyeurismus, Sadismus und Transvestismus. Die Pornoindustrie spielt – fast möchte man sagen: natürlich – ebenfalls eine Rolle. Genauso wie Kindesmissbrauch und andere Unappetitlichkeiten. Und auch die obligatorischen Martial-Arts- und Gewaltmomente gibt es zu sehen, in denen Blutfontänen die Wände zu Action Paintings verwandeln.

Wie ein langer, unruhiger Fluss zieht dieser Vier-Stunden-Film vorüber. Er sprudelt los wie ein quicklebendiger Bergquell, der sich funkelnd und glasklar seinen Weg sucht. Allmählich schwillt er zu einem immer breiter werden Strom an, der allerhand entbehrliches Treibgut mitschwemmt. Zwischenzeitlich verläuft sich die Handlung auch mal in Seitenarmen, wo sie beinahe brackwasserartig zum Stillstand kommt. Doch dann taucht plötzlich wieder eine wilde Strömung auf und bringt die Geschichte wieder mitreißend in Fluss. Stilistisch greift Sono in die Trickkiste und kramt unter anderem dreifach geteilte Spleet-Screen-Einstellungen, extreme Weitwinkel-Nahaufnahmen, Voice-Over-Kommentare und Standbilder hervor. Dazu laufen sakrale Choräle und J-Pop. Wahlweise unterlegt Sono seine Szenen aber auch mit ausgedehnten Passagen klassischer Musik, Ravels „Bolero“ zum Beispiel. Laufend wechseln der Ton und die Stilebene: „Love Exposure“ oszilliert zwischen Kitsch und Avantgarde, Hochkultur und Trash, Comicstrip und tiefem Pathos.

Nehmen wir als Beispiel Sion Sonos herrlich perversen Humor: Yu und seine Gang fotografieren unerlaubt die Unterwäsche von High-School-Mädchen. Dafür verwenden sie Kameras, die sie wie ein Jojo unter die Röcke der Frauen schleudern. Oder sie lassen ferngesteuerte Autos zwischen den Beinen hindurch fahren, um den besten Upskirt-Blick zu erhaschen. Von solch bizarren Momenten wechselt Sono plötzlich auf überbordend romantische Gefühle. Auf ihrem Geliebten Yu sitzend und aus einer radikalen Untersicht gefilmt, zitiert die hübsche Yoko schreiend aus dem ersten Korinther-Brief des Apostels Paulus – bis sie zur berühmten Passage vorstößt: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; am größten unter ihnen ist jedoch die Liebe.“ Darunter gelegt ist der wuchtig-erhabene zweite Satz aus Beethovens Siebter Symphonie.

Dieser wahnwitzige Balanceakt aus grandios und heillos übertrieben steht stellvertretend für den gesamten Film: Entweder fährt einem die gewagte Mischung markerschütternd in die Glieder – oder sie dreht einem den Magen um. Vielleicht auch beides zugleich. Für den Zuschauer gibt es vor diesem Pathos jedenfalls kein Entkommen. Sion Sonos unbedingter Wille eine exzessiv-exzentrische Extravaganz zu schaffen, wirkt manchmal sehr bemüht und dann doch wieder unglaublich behände. „Love Exposure“ ist kindisch, brutal, ergreifend, überladen und originell. Mit einem Wort: ungewöhnlich. Mit zwei anderen Worten: sehr sehenswert.