Julian
Hanich


Texte zum Kino

“Punch-Drunk Love” (2002) von Paul Thomas Anderson

Seltsamer Typ, dieser Barry Egan (Adam Sandler). Er ist ein Zappelphilipp, der seinen Kindskopf eindeutig auf zu breiten Schultern trägt. In seinem knallblauen Anzug watschelt er durch die Welt, als sei er in seinem falschen Leben nicht ganz richtig. Manchmal wackelt sein Kopf ein wenig. Der Mund ist immer leicht geöffnet. Nicht weit genug, um ihn für bescheuert zu halten, aber immerhin so weit, dass man ihn nicht ganz ernst nehmen kann, obwohl ihn definitiv keiner unterschätzen sollte. Sieben Schwestern hat dieser Barry, fast wie im Märchen. Früher haben sie ihn „Schwuli“ genannt, da ist er dann ausgerastet und hat Fensterscheiben zertrümmert. Und wenn er heute Abend auf eine Geburtstagparty bei seinen Schwestern ankommt, dann wird er sich wieder Gemeinheiten anhören müssen wie „Du scheißverlogenes Stück Dreck“ oder „Du verfluchter Spasti“. Na ja, dann geht halt wieder ein bisschen Glas zu Bruch. Vielleicht ist ja „The Message“ von „Grandmaster Flash“ Barrys heimliche Hymne sein: „Don’t push me, cause I’m close to the edge. I’m trying not to lose my head.“

Aber, hey, der Mann ist immerhin Geschäftsmann. Er hat ein Kleinunternehmen, das er von einer Lagerhalle im San Fernando Valley aus leitet. Zugegeben, das Produkt ― Toilettenentstopfer mit bunter Füllung im Stiel ― gehört zu den Dingen, die die Welt nicht braucht. Aber er macht Geld, nicht zu viel, aber es ist schon okay so. Was will man mehr in Zeiten wie diesen? Ja, was will man eigentlich mehr ― vielleicht eine Frau zum Verlieben? Wenn Barry nach einem langen Tag heimkommt in sein 0815-Apparment, dann wählt er eine Telefonsexnummer und fängt an, zu… Nein, nein, nicht das, Barry, der traurige Tor, will einfach nur reden mit der stöhnenden Dame. Manchmal weint er ganz lange, sagt er, ganz ohne Grund. Einen „eindimensionalen Menschen“ hätte ihn Herbert Marcuse vielleicht genannt.

Seltsamer Typ, dieser Paul T. Anderson. Er ist jetzt gerade mal zweiunddreißig Jahre alt ― und hat mit „Boogie Nights“ (1997) und „Magnolia“ (1999) schon zwei der aufregendsten amerikanischen Erzählfilme der neunziger Jahre vorgelegt. Es waren brillant verwobene Ensemblefilme, von einer psychologischen Härte, wie man sie selten sieht. Sein neuer Film ist anders. Wenige Schauspieler, geringes Budget. Geringere Themenbreite, weniger ambitioniert. Der Film legt mehr komische Fangnetze unter die menschlichen Abgründe. Doch man spürt auch hier den Anderson touch: bewegliche Kameraeinstellungen, Plansequenzen, eine komplexe Hauptfigur und eine wundersame Schauspielerführung. Das erkennt man zuallererst daran, dass Anderson sich Adam Sandler ins Boot geholt hat und dabei nicht gekentert ist, sondern den Klamaukheini zu einer Leistung inspiriert hat, die so großartig ist, dass man ihm beinahe alle anderen Filme verzeihen möchte.

Bei Anderson verkehrt sich das Erwartbare ständig ins Unerwartete. Am Ende seines letzten Films regnete es Frösche. Am Anfang seines neuen Films fällt ein Harmonium vom Himmel. Nun gut, es fällt nicht, aber plötzlich steht es auf der Straße und man weiß nicht genau warum. Hat es mit dem unmotivierten Unfall zu tun, bei dem ein Auto urplötzlich atemberaubend durch die Luft stürzt? Ein David-Lynch-Moment, unheimlich und schwer zu erklären. Jedenfalls steht die Orgel kurz danach auf Barrys Schreibtisch, und manchmal entlockt er ihm ein paar merkwürdige quäkende Froschtöne, während sich ganz magisch sein Antlitz illuminiert. Ein wenig Musik in Barrys Leben kann wirklich nicht schaden.

Auch sonst gibt es Szenen, die man mindestens als denk- und merkwürdig bezeichnen muss. Immer wieder leuchten psychedelische Farbstreifen und Schlierenbilder auf, die an eine Mischung aus Hard-Edge-Malerei und verwischten Gemälden von James Rosenquist erinnern. Sind sie Visualisierungen von Barrys trunkenen Glücksmomenten? An einer Stelle baut Anderson eine Cinemascope-Einstellung ein, in der er Andreas Gurskys Supermarkt-Tableau „99 Cent“ nachstellt (und uns ganz subtil darauf hinweist). Und einmal, nachdem Barry vor Wut gegen die Wand gedroschen hat, sieht man auf seinen geröteten Knöcheln das Wort „Love“ eingekerbt.

Ja, „Punch-Drunk Love“ ist nicht zuletzt ein Liebesfilm, der ungewöhnlichste seit langem. Er tut uns die romantische Geschichte kund von Barry, der Lena (Emily Watson) trifft. Er immer in Blau, sie meist in rosa oder rot. Barry der Ausraster, der Neurotiker, der Freak wird zum Verliebten. „Ich habe eine Liebe in meinem Leben, die macht mich stärker, als du dir vorstellen kannst“, sagt er einmal. Da können ihm auch die Mormonen-Abzocker aus Utah mit ihrem brüllenden Anführer Philip Seymour Hoffman nichts mehr anhaben. Für Barry gilt ab sofort: einmal niedergeschlagen, nie mehr niederschlagen. Und das im doppelten Sinn des Wortes.